Zurzibiet

Christkind, Weihnachtsmann oder Santa Claus? – «Viele Kinder kennen die Weihnachtsgeschichte nicht mehr»

Fasziniert von Märchenwesen: Jürg Steigmeier aus Bad Zurzach.

Fasziniert von Märchenwesen: Jürg Steigmeier aus Bad Zurzach.

«Ganz viele junge Menschen haben die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wie sie in der Bibel überliefert wird, nur bruchstückhaft oder gar nicht mehr intus», weiss der Zurzibieter Geschichtenerzähler Jürg Steigmeier.

«Schon in meiner Jugend waren an Weihnachten vor allem der Christbaum und das Christkind von Bedeutung. Die Weihnachtsgeschichte interessierte mich wenig», meint Jürg Steigmeier. Der 58-Jährige arbeitet seit 34 Jahren im Kindergarten Bad Zurzach und gilt als dienstältester männlicher Kindergärtner der Schweiz.

In der Öffentlichkeit bekannt ist er aber vor allem als Geschichtenerzähler. Und er weiss aus Erfahrung: «Ganz viele junge Menschen haben die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wie sie in der Bibel überliefert wird, nur bruchstückhaft oder gar nicht mehr intus. Zur zentralen Figur wird immer öfters Santa Claus wie er in amerikanischen Spielfilmen zu sehen ist.»

Steigmeier bastelt mit seiner Kinderschar jedes Jahr einen Adventskalender und stellt einen Adventskranz auf. Auf reiche Verzierungen verzichtet der Vorschulpädagoge bewusst und wählt ganz puristisch rote Kerzen und rote Bänder. Denn Rot ist das Symbol für die Lebenskraft (in der Bibel auch für das Leiden Christi) und Grün die Farbe der Hoffnung.

«Ich erkläre den Kindern auch, dass der Christbaum früher nicht mit ­farbigen Kugeln geschmückt wurde, sondern mit Äpfeln als Wahrzeichen der Fruchtbarkeit. Die meisten Menschen hatten sowieso kein Geld für teuren Glitzerschmuck.»

Wotans wilde Jagd mit dem wütenden Heer

Seit Jahren forscht Steigmeier nach altem Brauchtum und Natursagen, die mit der dunklen Jahreszeit rund um die Feiertage verbunden sind. Oft haben sie ihren Ursprung im harten Leben der armen Landbevölkerung, die den Naturgewalten ungeschützt ausgeliefert waren.

Dazu gehört der weit verbreitete Volksglaube von der «Wilden Jagd» mit dem «Wütenden Heer», dass mit Anführer Wotan in stürmischen Nächten über den Himmel braust. Es konnte auf den Tod desjenigen verweisen, der sein Zeuge wurde, galt aber auch als Vorbote für Dürren und andere Katastrophen.

«Vom 1. November bis zum 13. Januar (Hilariustag) dürfen gemäss altem Volksglauben die Toten unter den Menschen sein. Und die sollte man nicht verärgern. Viele stellten ihnen früher sogar Essen auf den Tisch. Bis heute räuchern Kräuterfrauen und Bauern in dieser Zeit ihre Häuser aus», sagt Steigmeier. Natürlich kommt dem 24. Dezember eine ganz besondere Bedeutung zu.

«In einer Schweizer Sage steht, dass alle Hundert Jahre die Verstorbenen zurückkommen und in der Heiligen Nacht exakt zwischen 23 und 1 Uhr in die Kirche gehen», bekundet der Sagen-Experte. Auch verbreitet sei, dass Tiere in ­dieser Nacht reden können. «Drum füttert der Bauer sein Vieh besonders gut, damit es nicht schlecht über ihn spricht», erzählt Steigmeier und lacht.

Rauhnächte zwischen Weihnacht und Dreikönig

Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag finden die sogenannten Rauhnächte statt. In diesen Tagen ist das Band zum Jenseits besonders stark. «Dann können Träume Vorzeichen für die Zukunft sein, und es werden viele Orakel gemacht», meint der Bad Zurzacher Geschichtenerzähler.

Er kennt heute noch einen Bauern, der in den Rauhnächten Zwiebeln aufschneidet und anhand des Wassers, das sie ziehen, die Regenmengen im neuen Jahr prognostiziert. Oder eine Bäuerin im Schwarzwald, die während der «Wilden Jagd» keine Wäsche raushängt, weil das Unglück bringen könnte.

Fast in Vergessenheit geraten sind auch die Quartembertage jeweils drei Tage nach dem Fest der heiligen Luzia (13. Dezember), Aschermittwoch, Pfingsten und dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September). «Meinen Grosseltern waren sie noch ein Begriff.

Menschen die dann geboren wurden, sollen besondere Fähigkeiten wie zum Beispiel Hellsichtigkeit haben», so Steigmeier. Die Erzählungen, Rituale und Bräuche von Menschen, die in engem Verbund mit der Natur lebten, faszinieren ihn bis heute. Auch wenn die meisten von der Kirche strikt abgelehnt werden.

Jürg Steigmeier lässt die Erzähltradition wieder aufleben, die aus der hiesigen Kultur grösstenteils verschwunden ist. «Es gibt kein anderes Medium, das junge und alte Menschen gleichermassen fasziniert, wie das Erzählen von Märchen und Sagen. Zudem erhalten Kinder dabei die Möglichkeit, Emotionen wie Ängste zu durchleuchten und sich in ihrer Gefühlswelt besser zurechtzufinden.»

Gemäss Studien lesen viele Eltern ihrem Nachwuchs nur noch selten oder gar nie vor und setzen ihn lieber vor den Fernseher. «Es ist aber ein enormer Unterschied, ob fixfertige Bilder über den Schirm flimmern oder eine Geschichte erzählt wird, anhand derer sich jedes Kind seine eigenen Bilder machen kann», findet Steigmeier. Und wie verbringt er Weihnachten? «Ruhig. Ich werde fein essen. Und mein Haus ausräuchern.»

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