Am 9. Mai 2015 kam es in Würenlingen zu einer Bluttat, die landesweit schockierte: Semun A., ein 36-jähriger Familienvater türkischer Abstammung aus dem Kanton Schwyz, tötete vier Menschen und zuletzt sich selbst. Er gab 14 Schüsse ab und nahm damit seinen Schwiegereltern, seinem Schwager sowie auf dem Rückweg zu seinem Auto einem Nachbarn das Leben.

Gestern nun erklärte die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft: «Die Staatsanwaltschaft Baden hat die Untersuchungen abgeschlossen und das Verfahren eingestellt.» Die Ermittlungen hätten keine neuen Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Semun A. drückte 14 Mal ab

Semun A. drückte 14 Mal ab.

So berichtete Tele M1 im Mai 2015 nach dem Mordfall.

Weiter heisst es: «Trotz umfangreicher Abklärungen konnte nicht eruiert werden, wie der Täter an die Tatwaffe gelangt war.» Unter anderem hatte die Polizei «umfangreiches Datenmaterial» am Wohnort von Semun A. beschlagnahmt. Laut Fiona Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft, konnten die Daten auf USB-Sticks, Laptops und einem Handy sichergestellt werden. Die aufwendige Auswertung habe jedoch «in Bezug auf ein allfälliges Tatmotiv zu keinen neuen Erkenntnissen geführt». Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass es zuvor nicht zu Drohungen gegenüber den Opfern gekommen war.

Der Mörder von Würenlingen

Der Mörder von Würenlingen

Semun A. war der Polizei bereits bekannt. Wegen häuslicher Gewalt, musste er im April in die Psychiatrie. Der Psychiater vermutet, dass er die Bluttat bereits in der Anstalt plante. Dies berichtete Tele M1 im Mai 2015.

Gutachten soll Klarheit bringen

Jetzt verschiebt sich der Fokus der Aargauer Ermittler auf die Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Clienia im thurgauischen Littenheid. Von dort war Semun A. zehn Tage vor der Bluttat «aufgrund des guten Behandlungsverlaufs» aus einer fürsorgerischen Unterbringung entlassen worden. Deshalb wurde nach dem Tötungsdelikt die Frage aufgeworfen, ob die Klinik eine Mitschuld trägt: Gegen die Ärzte, die Semun A. behandelten respektive freiliessen, wurde Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Baden «zur Beurteilung der ärztlichen Sorgfaltspflicht» ein umfangreiches fachärztliches Gutachten in Auftrag gegeben». Dieses werde einige Monate in Anspruch nehmen – über weitere Schritte werde man informieren, wenn das Gutachten vorliege.

Wer Anzeige gegen die Clienia-Ärzte erstattete, ist unklar. Fiona Strebel sagt: «Bei fahrlässiger Tötung handelt es sich um ein Offizialdelikt, weshalb jeder Anzeige erstatten kann.» Aus Datenschutzgründen nenne man den oder die Erstatter nicht. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, kann Strebel auch keine Angaben dazu machen, welche Fragen im Gutachten geklärt werden oder ob zwischen dem Gutachten und dem im Communiqué erwähnten nachgewiesenen Psychopharmakum im Körper des Täters einen Zusammenhang besteht.

Clienia-Sprecherin Claudia Baumer sagt auf Anfrage: «Wir haben weder Kenntnis davon, wer Anzeige erstattet hat, noch was genau Gegenstand der Untersuchung ist.» Bislang habe es in der Unternehmensgeschichte nie ein Strafverfahren gegeben.

Das Verfahren wird von der Staatsanwaltschaft Baden geführt, weil das Bundesstrafgericht im Oktober 2015 dies so entschieden hatte. Die Aargauer hätten den Fall an ihre Thurgauer Kollegen abtreten wollen, doch diese wollten nicht übernehmen. Das Gericht in Bellinzona befand die Aargauer für zuständig.

Würenlinger Mörder galt als `geheilt`

Mörder von Würenlingen galt als «geheilt»

Semun A. musste 5 Wochen in eine psychiatrische Klinik. Eine Woche nach der Entlassung beging er die Bluttat. Die Ärztliche Direktorin der Klinik beteuert, dass er ausreichend behandelt wurde und nicht negativ auffiel. So berichtete Tele M1 im Mai 2015 nach der Bluttat von Würenlingen.