Es sind brisante Erkenntnisse, welche die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Ausgabe vom Mittwoch vorlegt: Im Herbst 1970, auf dem Höhepunkt der Krise um die Entführung einer Swissair-Maschine mit 157 Menschen an Bord am 6. September 1970, trifft sich der Schweizer Bundesrat und damalige Aussenminister Pierre Graber (SP) unter Vermittlung des jungen Nationalrats Jean-Ziegler (SP) in geheimer Mission mit dem Palästinenser-Funktionär Farouk Kaddoumi in Genf – und zwar in geheimer Mission ohne Absprache mit seinen Bundesrats-Kollegen. 

Agierte alleine: Bundesrat Pierre Graber (SP)

Agierte alleine: Bundesrat Pierre Graber (SP)

Wäre das Treffen Yassir Arafats rechter Hand publik geworden - es hätte das sofortige Ende der Karriere des SP-Bundesrates bedeutet. Denn offiziell wollte die Schweiz gemeinsam mit den USA, Grossbritannien und Deutschland mit den Palästinensern verhandeln. Neben der Swissair-Maschine entführten die Terroristen auch eine amerikanischen und eine britische Passagiermaschine in die jordanische Wüste und hielten die Fluggäste dort als Verhandlungspfand für die Freilassung von Kampfgenossen fest.

Die Geiseln des Swissair Fluges von Zürich nach New York vom 6. September 1970.

Entführt in die jordanische Wüste

Die Geiseln des Swissair Fluges von Zürich nach New York vom 6. September 1970.

Die NZZ traf den heute im tunesischen Exil lebenden Farouk Kaddoumi. Er bestätigte die Verhandlungen mit dem Schweizer Bundesrat im September 1970 in Genf. Per Handschlag sei ein Stillhaltebakommen ausgehandelt worden. Der Deal war: Wenn sich die Schweiz auf diplomatischem Parkett für die palästinensische Sache einsetze, so würde Kaddoumi dafür sorgen, dass unser Land nicht mehr ins Fadenkreuz der Terroristen kam. Kaddoumi zur NZZ: «Beim Abschied habe ich der Schweizer Delegation gesagt: Wenn es wieder ein Problem geben sollte, könnt ihr gerne nochmals mit mir Kontakt aufnehmen.» Und: «Aber wie Sie wissen, hat es danach kein Problem mehr gegeben.»

Nationalrat Jean Ziegler 1973 im Bundeshaus.

Nationalrat Jean Ziegler 1973 im Bundeshaus.

Doch die Abmachung mit den Palästinensern erwies sich als trügerisch: Anscheinend forderte die PLO immer neue Zugeständnisse, um die sicherzustellen, dass es «keine Probleme» mehr gab, sprich dass keine Terrorattacken auf die Schweiz verübt werden.

Inwieweit die Schweiz sich erpressen und gängeln liesse, kann nur vermutet werden. Mit den neuen Erkenntnissen erscheint jedoch auch der bis heute nicht aufgeklärte Anschlag auf die Swissair Maschine vom 21. Februar 1970 in einem neuen Licht.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

Nur ein halbes Jahr vor dem Geheim-Deal starben bei einem Bombenattentat auf den Flug 330 von Zürich nach Tel Aviv bei Würenlingen 47 Menschen. Gegen die Verdächtigen rund um den Jordanier Sufian Kadoumi, Mitglied einer palästinensischen Kommandotruppe, wurde nie Anklage erhoben.

Auch der damals verantwortliche Untersuchungsrichter Robert Akeret stellte immer wieder einen «Mantel des Schweigens» rund um den Fall Würenlingen fest.

Mit den Recherchen der «NZZ» liegt die Vermutung nahe, dass dieser «Mantel des Schweigens» seinen Ursprung in der Absprache auf der höheren politischen Ebene hat. 

Auch Jean Ziegler äussert sich gegenüber der «NZZ» vielsagend: «Die palästinensischen Kommandos befanden sich im bewaffneten Befreiungskampf». Und er ergänzt: «Unter diesen Umständen gegen eines ihrer Mitglieder strafrechtlich vorzugehen, wäre nicht empfehlenswert gewesen.» 

Dass über die Verantwortlichen des Absturzes von Würenlingen aus Staatsraison geschwiegen wurde, dürfte für die Angehörigen und Direktbetroffenen schwer nachvollziehbar sein.

«Goodbye everybody»: Der Original-Funkspruch vom Swissair-Absturz 1970 bei Würenlingen.

«Goodbye everybody»: Der Original-Funkspruch vom Swissair-Absturz 1970 bei Würenlingen.

Gegenüber der az sagte der damalige Gemeinderat von Würenlingen Arthur Schneider anlässlich des 45. Jahrestag im Herbst 2015: «Wenn Sie in den Wald geschickt werden, um Leichenteile von den Bäumen einzusammeln, vergessen Sie das nicht mehr. Niemand war darauf vorbereitet, und Care-Teams für die Nachbereitung gab es damals erst recht nicht.»

Arthur Schneider machte es sich zur Lebensaufgabe, Informationen zum Absturz zu sammeln. Er veröffentlichte ein Buch zum Terroranschlag. Schneider: «Es ist erstaunlich, wie wenige Schweizer überhaupt von diesem Absturz wissen. Auch deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich will die gesammelten Unterlagen dem normalen Leser in konzentrierter Form zugänglich machen, Eindrücke formulieren, Akteneinsicht geben. Auch für die Hinterbliebenen. Die Opfer waren ja Menschen mit Familien, es gab über 50 Halbwaisen.»

Mit einem dieser Angehörigen, dem Sohn von Flugkapitän Karl Berlinger habe Schneider viel Kontakt. Er wolle wissen, ob die Mörder von Vater Berlinger noch frei herumlaufen. Das Verbrechen treibe noch heute viele Leute um. Dabei hätten die Ermittler bereis wenige Tage nach dem Absturz gewusst, wer hinter dem Anschlag stecke, so Schneider.

Vielleicht kommt nun, bald 46 Jahre nach der Tragödie, die Wahrheit ans Licht.