Kleindöttingen

Biberdamm darf entfernt werden – warum der Rückbau nötig ist

Die Biberpopulation wird im Aargau auf 350 Tiere geschätzt. Sie haben sich an allen vier grossen Flüssen niedergelassen.

Biber im Aargau

Die Biberpopulation wird im Aargau auf 350 Tiere geschätzt. Sie haben sich an allen vier grossen Flüssen niedergelassen.

Der Kanton erlaubt dem Kraftwerk Klingnau, einen Biberdamm in der Aare zu beseitigen – warum Pro Natura und Birdlife Aargau das dieses Mal sogar begrüssen.

An der Aare in Kleindöttingen hat es sich ein Biber bequem gemacht. Der Damm im seitlichen Entwässerungskanal des Aarekraftwerks Klingnau führt seit einiger Zeit zu Hochwasser im umliegenden Gebiet. Das Kraftwerk, das der AEW Energie AG und der Axpo AG gehört, ersuchte darum den Kanton Aargau, ihm die Entfernung des Biberdammes zu erlauben. Nun gibt der Kanton sein Okay: Die Sektion Jagd und Fischerei des Departements Bau, Verkehr und Umwelt hat eine entsprechende Verfügung erteilt, die noch bis zum 1. Dezember öffentlich aufliegt.

Biber sind bundesrechtlich geschützt. Eingriffe in den Lebensraum der Tiere sind aber erlaubt, sofern durch den Biber eine Gefährdung oder ein Schaden entstehe, wie Christian Tesini, Fachspezialist bei der Sektion Jagd und Fischerei, erklärt. Wie im Fall von Kleindöttingen: Das Kraftwerk inspiziert den Entwässerungskanal jährlich auf Mängel. «Der Biberdamm verhindert, dass diese Kontrolle stattfinden kann, weshalb er entfernt werden muss», so Tesini. Doch das ist nicht der einzige Grund: Das durch den Biber rückgestaute Wasser hat das angrenzende Gebiet wiederholt überflutet.

Biberrevier nicht beeinträchtigt

350 Biber gibt es heute schätzungsweise im Aargau. Geeignete Lebensräume an den vier grossen Flüssen im Kanton seien grösstenteils besetzt, schreibt die Sektion Jagd und Fischerei in der Verfügung. Dämme und Bauten seien zwar lebenswichtige Elemente eines Biberreviers, sagt Christian Tesini. Dieses werde in diesem Fall aber nicht nachhaltig beeinträchtigt, «wenn der Biberdamm an dieser Stelle einmalig entfernt wird».

Dieser Meinung ist auch Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau. «Der Biber wird wieder kommen und seinen Damm errichten», ist er überzeugt. Jenny, der in der Vergangenheit der Beseitigung von Biberdämmen häufig kritisch gegenüberstand, kann «dieses Mal mit dem Entscheid leben». Der Grund: Der Kanton habe an einer gemeinsamen Begehung glaubwürdig vermittelt, dass ein Rückbau nötig sei, damit die Anstösser bei Hochwasser weniger gefährdet seien. «Es geht nicht nur darum, dass die Menschen nasse Füsse bekommen. Die Wassermassen schädigen die Bauzonen und den Boden», so Jenny.

«Damm ist nicht das Problem»

Nicht nur Pro Natura Aargau war bei der Begehung mit dem Kanton vor Ort. Auch die Meinung des Natur- und Vogelschutzvereins Birdlife Aargau wurde in die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Der Biberdamm liege im bestgeschützten Gebiet des Aargaus, sagt Kathrin Hochuli, Geschäftsführerin von Birdlife Aargau. Der Kanal führt am Klingnauer Stausee entlang, einem Naherholungsraum und beliebten Ausflugsziel im Unteren Aaretal für Natur- und Tierfreunde. Kommenden Mai wird dort das Naturzentrum Klingnauer Stausee eröffnen, ein Projekt von Birdlife Schweiz und Birdlife Aargau.

«In einem solch wichtigen Naturraum sollte der Biber eigentlich ungestört leben können», meint Hochuli. Da es sich aber nur um einen Nebendamm handle, habe dieser keine Funktion für den grossen Biberbau. Deswegen sehe man davon ab, eine Beschwerde einzureichen, so Hochuli.

Johannes Jenny sagt, dass Überschwemmungen durch die kurzfristige Entfernung des Biberdammes nicht in den Griff zu kriegen seien. «Das eigentliche Problem sind die Entwässerungskanäle, die stark veraltet sind.» Sie seien in den 1930er-Jahren gebaut worden, zu einer Zeit, als es im Aargau keine Biber mehr gab. Heute müssten nachhaltige Lösungen gefunden werden, damit das Wasser abfliessen könne. «Möglich wäre zum Beispiel, den nahegelegenen Bach mit den Kanälen zu verbinden.»

Mit Blick auf die Folgen des fortschreitenden Klimawandels werde sich der Biber unter Umständen sogar als nützlich erweisen, prognostiziert Jenny. «Bei längeren Dürrephasen sind die Feuchtgebiete, die der Biber schafft, die letzten grünen Weiden. Er kann die Felder bewässern und er hilft, das Grundwasser anzureichern.» Es scheint, als könnte «Meister Bockert» also auf lange Sicht zum Freund des Menschen werden.

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