Durch das offene Portal der Synagoge ertönte das Schofarhorn, als Hansjörg Tschofen drei Dutzend Personen zur Führung durch die Geschichte der Endinger Juden am Sonntag versammelte.

Die Juden selber beendeten gerade ihren Gottesdienst. Mit dem Blasen des Schofar, dem aus dem Horn eines Widders gefertigten Blasinstrument, anerkennen sie in einem feierlichen Ritual Gott als König, Beschützer und Richter. Das Schofar soll ausserdem aus einer gedankenlosen Lebensweise aufrütteln.

Seit über 20 Jahren widmen sich städtische und jüdische Institutionen in zahlreichen europäischen Ländern am ersten Sonntag im September den aktuellen Fragen der jüdischen Geschichte, Kultur und Religion.

Die beiden Landgemeinden Endingen und Lengnau waren während zweier Jahrhunderten Zentrum jüdischen Lebens im Aargau. Ins Surbtal waren jüdische Familien gekommen, nachdem sie aus den Städten vertrieben worden waren. Das Surbtal lag für die Juden geografisch günstig, wie Tschofen vom Kulturkreis erklärte. Lengnau und Endingen liegen auf halber Strecke zwischen dem damals bedeutsamen Wallfahrts- und Messerort Zurzach und Baden, das als Stadt mit regem Handel und als Badeort ebenfalls sehr wichtig war.

Nebeneinanderliegende Türen

Handwerk und Landwirtschaft war den Juden verboten, sie durften sich nur als Händler oder Ärzte betätigen. Ebenso durften sie keine Häuser bauen, als Händler hatten sie aber das Geld dafür. Also wohnten sie zur Miete in Häuser, die sie finanziert hatten.

Und da Christen und Juden nicht unter einem Dach wohnen durften, erfanden sie den Trick mit den nebeneinander liegenden Türen, den Doppeltüren, durch welche Christen und Juden in ihre Wohnungen im Parterre beziehungsweise im oberen Geschoss gelangten. Typische Beispiele solcher Häuser zeigte Tschofen in der Rankstrasse.

Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Lengnau rund 500 Juden und 800 Christen, in Endingen waren es je rund 1000. Die Bundesverfassung von 1848 gewährte zwar Niederlassungsfreiheit, beschränkte diese aber auf Schweizer, die einer christlichen Konfession angehörten. Die Juden waren damit ausgeschlossen. Erst 1866 wurde, wie Tschofen erläuterte, der Artikel in der Bundesverfassung geändert, Niederlassungsfreiheit hatten nun alle Schweizer gleich welchen Glaubens. Damit war der Exodus der Juden aus dem Surbtal eingeleitet.

Abschluss mit Konzert in der Endinger Synagoge

Um 1850 hatten sich die Endinger Juden eine neue Synagoge gebaut, das markante Gotteshaus prägt das Endinger Ortsbild noch heute. Vor dem Schrein, in dem die Thorarolle aufbewahrt ist, gab am frühen Abend das Trio Glibo’a mit dem gebürtigen Endinger Klarinettisten Georges Müller ein eindrückliches und gut besuchtes Konzert. Müller lotet, von Gallus Burkard am Kontrabass und Urs Stirnimann an der Gitarre begleitet, mit seinem Instrument wie kaum ein anderer die ganze Breite und Tiefe der Gefühle aus.