Ich weiss nicht, wie Sie’s mit der Religion haben. Ich gehe nicht mehr oft in die Messe. Wenn es hochkommt vielleicht sechsmal pro Jahr. Kirchen oder Kapellen besuche ich hingegen häufiger. Auf Städtereisen oder jetzt im Sommer beim Wandern im Wallis. Ich zünde jeweils eine Kerze an und verweile ein paar Minuten. Denke an Gott und die Welt, vor allem aber an meine Liebsten. Es ist ein Ritual, ein Innehalten in hektischer Zeit. Gut, lange hält es jeweils nicht vor, aber immerhin. Ja, ich bin katholisch. Und werde es auch bleiben. Allen frauenfeindlichen Bestimmungen und pädophilen Verfehlungen des Personals zum Trotz. Auch in der Kirche will ich den Stab nicht gleich über alle brechen, und meine religiösen Prägungen als Kind kann ich sowieso nicht verleugnen.

Dazu gehört der alljährliche Spaziergang mit meiner Grossmutter zur Lourdesgrotte in Leuggern. Einzelne Stationen, Bilder kann ich noch immer abrufen: Die Zugfahrt nach Koblenz zum Beispiel, wie mich die Grossmutter in ihren schweren dunklen Kleidern an der Hand hielt, und dann der Gang über das Stauwehr bei Klingnau. Durch die Eisengitter sah ich auf das Wasser tief unter mir – ein unheimliches Gefühl. Und irgendwie meine ich heute noch zu spüren, wie der Steg damals leicht schwankte. An die Messe selbst erinnere ich mich wenig. Nur, dass es am 15. August, zu Mariä Himmelfahrt, immer wahnsinnig viele Leute hatte, dass man laut sang, weil fast alle die Lieder auswendig kannten, und dass die Grossmutter anschliessend mit Dutzenden von Bekannten und Verwandten plaudernd zusammenstand. Sie stammte ursprünglich von Böttstein und schien daher Krethi und Plethi vom Kirchspiel zu kennen. Sooo langweilig für mich als Kind! Gottlob gabs da noch die Maria, die mich faszinierte. Eingebettet in den Felsen, schien sie mich und die Szene von oben her wohlwollend zu beobachten.

Von dieser Ausstrahlung hat die Statue auch Jahrzehnte später nichts verloren. Zu ihren Füssen leuchten bei meinem Besuch an einem Frühlingsnachmittag zahlreiche Kerzen, daneben liegen Blumen, ein handschriftlich verfasster Brief: jemand dankt der Muttergottes für die Hilfe in höchster Not. Kein Einzelfall, schreibt mir später der Leuggemer Pfarrer, Stefan Essig: «Ich war noch nie in der Grotte – auch nicht im Winter oder in der Nacht – ohne dass einige der roten Opferlichter gebrannt hätten – und diese brennen rund 4 Stunden.» Die Menschen fühlten sich hier in der speziellen Atmosphäre offenbar wohl, egal ob katholisch oder nicht. Wohl wahr. Bei meinem zweiten Besuch heuer, zur Himmelfahrtsmesse, kamen sie nach den Autokennzeichen teilweise von weit her und immer noch, wie früher, aus dem deutschen Grenzgebiet. Sonst war manches anders. Die Kinder feierten etwas abseits unter sich, zum Schluss gabs gesegnete Blumen, und gekannt habe ich niemanden mehr. Aber im Gedächtnis bleiben wird mir ein kurzer Dialog, den Christina Burger aus Kleindöttingen ins Zentrum ihrer Predigt gestellt hat.

«Wo ist der Himmel?», fragten einst Studenten den berühmten Psychiater C. G. Jung. «Das weiss ich nicht», sagte der. «Fragt die Theologen. Aber eines weiss ich, wer nicht an den Himmel glaubt, wird depressiv.»

In diesem Sinne: Schauen Sie wieder mal nach oben! Ober machen Sie einen Abstecher zur Lourdesgrotte in Leuggern. Nächstes Jahr wird sie übrigens 90 Jahre alt.