Seit ich im Flecken wohne, war das Bächle-Haus geschlossen: Im Schaufenster staubten alte Zyliss-Schachteln vor sich hin, das Scheunentor mutierte zu einer riesigen Pinnwand, wo alle möglichen Plakate hingepappt und überklebt wurden.

Doch vor einigen Wochen tauchten vor dem Haus Mulden auf, Männer, Frauen und Knaben schleppten allerlei Gerümpel aus dem Haus. Parallel dazu tauchten im Schaufenster neue Schätze auf: Wunderschöne Kupferartikel, Küchenmaschinen, eine uralte Kasse. Man hörte von altem Kinderspielzeug, das gefunden worden war, aber auch von berührenden Zetteln und Notizen mit Gedankensplittern.

Die Arbeiten im Bächle-Haus blieben in Bad Zurzach natürlich nicht unbemerkt: Es schien, als ob das Haus, sobald die Türen und Fenster wieder einmal geöffnet worden waren, Hunderte von Geschichten und Anekdoten freiliess. Wer dem Treiben von aussen zusah, sprach über seine Erlebnisse im Laden; erzählte von berührenden Gespräche oder bereichernden Momenten.

Fast alle, die ich hier antraf, erwähnten, wie viel Zeit man sich manchmal habe nehmen müssen: Wenn man was ganz Bestimmtes suchte, habe Herr Bächle gesagt, er müsse dies im Lager holen – lief aber in Wirklichkeit zur Eisenhandlung, um dort eine Packung dessen zu kaufen, was der Kunde einzeln haben wollte; wissend, dass er die restlichen Stücke der Packung vielleicht nie verkaufen würde. Aber wenn der Kunde drei Schrauben brauchte, erhielt er eben genau drei Schrauben!

Ein Mann erzählte mir, wie Paul Bächle mitten beim Einpacken eines Einkaufs in Zeitungspapier stutzte, weil ihm eine Schlagzeile ins Auge fiel – und die Sache wieder auswickelte, sich hinsetzte und erst den entsprechenden Artikel las, bevor er weiter einpackte.

Umgekehrt nahm sich aber auch Herr Bächle offenbar viel Zeit für andere: Eine Frau gestand mir, manchmal sei sie einfach in den Laden gegangen, um etwas Zeit mit Herrn Bächle zu verbringen. Sie habe dann meist irgendetwas Kleines gekauft, was sie eigentlich gar nicht gebraucht hätte – das sei es ihr wert gewesen.

Auf einem der Gedankensplitter, die jetzt im Haus gefunden wurden, fand Fredi Hidber, der die Räumung als Berater begleitete, den Satz: «Das Wichtigste, was du einem Kunden schenken kannst, ist deine Zeit.» Bei allem, was ich bis jetzt gehört habe, war Herr Bächle damit immer sehr grosszügig gewesen.

Aus all den Gedichten, Anekdoten und Gegenständen formt sich in meinem Kopf ein Bild eines Menschen, der im Flecken tiefe Spuren hinterlassen hat, und ich bedaure, dass ich Herrn Bächle nie persönlich kennen gelernt habe. Mir kommt ein Satz meines Patenkindes in den Sinn, hingeworfen an der Beerdigung ihrer geliebten Grossmutter: «Eigentlich sollte es im Himmel Besuchszeiten geben, wie im Spital …»

Und ich denke mir: Herrn Bächle hätte ich gerne besucht. Und ich hätte mir dafür extra viel Zeit genommen.

Dieses Wochenende findet im Bächle-Haus ein Flohmarkt statt, mit Trouvaillen aus dem Haus: Der Laden soll am Weihnachtsmarkt noch einmal in voller Schönheit erstrahlen … Zudem werden einige ausgewählte Stücke den Weg ins Museum Höfli finden.