Und wieder hat das Kellergewölbe im Kaiserstühler Amtshaus ein neues Gesicht: Eine Gartenlaube ist angedeutet, neben einem roten Samt-Sofa steht ein Klavier, ein Tisch, zwei Stühle, ein Lehnstuhl: Da wird es dem Theaterbesucher gleich gemütlich ums Herz und macht so richtig Lust aufs angekündigte Lustspiel. Ums gleich vorweg zu nehmen: Der Abend wird nicht nur lustig, sondern auch lustvoll im durchaus erotischen Sinne.

Curt Goetz (1888-1960), in Deutschland aufgewachsener Sohn eines Schweizers, war ebenso Schauspieler wie brillanter Komödienschreiber. Seine Stücke sind nicht nur auf Bühnen zu Kassenschlager, viele wurden es auch auf Kino-Leinwänden. So wie «Ingeborg», das Wolfgang Liebeneiner 1960 unter anderem mit Dietmar Schönherr verfilmt hatte. Schönherr, der später mit seiner Frau Vivi Bach viele Jahre in Kaiserstuhl gelebt hatte. Dort, wo man jetzt im Amtshaus-Keller die zauberhafte Dreiecks-Geschichte verfolgen kann.

Geheimnisvoller Leberfleck

Man tut das schmunzelnd, lachend, gespannt, mitfühlend. Denn kaum hat Tante Ottilie (Franca Basoli) mit einem Buch auf dem Lehnstuhl Platz genommen und wirbelt Ingeborg (Jacqueline Vetterli) Fliegen fangend durch die Szenerie, wird auch Hannibal wahrgenommen, der Frosch der in einem, von der Decke baumelnden Terrarium hockt. Da drängt sich die Frage auf: Ist Hannibal ein verwandelter Prinz, den Ingeborg wachküssen wird?

Weit gefehlt. Geküsst wird zwar – und wie – aber nicht der Frosch ist das Subjekt von Ingeborgs Begierde. Es sind zwei leibhaftige Mannsbilder: Ottokar (Frank Bakker) ihr Gatte und Peter Peter (Niklas Leifert): Als dieser, dem Ehepaar bislang Unbekannte, zu Besuch kommt, gerät vorab seine sowie die Welt von Ingeborg aus den Fugen. Aber auch Ottokars heile Welt bekommt Risse. Stoisch ruhender Pol bleibt die ebenso lebenskluge wie spitzzüngige Tante Ottilie, welche die Nichte mit kernigen Weisheiten wie «er lügt, wie jeder anständige Mensch» oder «Gedanken sind ungesund und verderblich – man sollte sie den Männern überlassen» zu zähmen versucht. Denn Ingeborg ist ein zauberhafter Wirbelwind mit ausufernder Fantasie. Damit ist sie das pure Gegenteil ihres besonnenen, pragmatischen Gatten. Nicht dass Ottokar vor lauter akademischem Grübeln seine Frau nicht lieben würde – nein, er vergöttert sie. Und auch sie liebt ihn von ganzem Herzen. Oder doch nur mit Halbem? Denn als Peter Peter auftaucht und dadurch die abenteuerliche Geschichte aufgerollt wird, die hinter einem Leberfleck auf Ingeborgs linkem Knie steckt, verliebt sich Ingeborg unsterblich in den Gast.

Keine Pointen-Hascherei

Alle Darsteller, zu denen sich noch Bruno Meier als Butler Herrn Konjunktiv gesellt, servieren die gescheiten, mit viel Esprit gespickten, gleichzeitig aber von penetranter Pointen-Hascherei freien Dialoge bravourös und mit der gebührenden Eleganz. Das Quintett hat das Lustspiel mit beeindruckendem darstellerischem Können verinnerlicht. Da wird Liebe gelebt und Erotik praktiziert, wird Moral augenzwinkernd hinterfragt und werden Zweifel nachfühlbar zur Verzweiflung. Wesentlichen Anteil an dem vergnüglich-zauberhaften Abend hat Kaiserbühne-Hausherr Peter Niklaus Steiner.

Mit seiner liebevoll-turbulenten Inszenierung zollt er Goetz den gebotenen Respekt und macht deutlich, wie sehr ihm dessen Werk am Herzen liegt. Schliesslich runden die Musik von Massimiliano Matesic und die reizenden Kostüme von Karin Preisig einen Theaterabend ab, der einen beglückt auf den Heimweg entlässt.

«Ingeborg» auf der Kaiserbühne wird gespielt bis 31. Dezember. Daten unter www.kaiserbuehne.ch