Gastronomie

Beizensterben im Zurzibiet: Jede fünfte hat die Tore geschlossen

Von den sieben Restaurants sind in Lengnau noch drei geblieben: die «Trattoria Il Carpaccio» (links), die «Krone» und neu die «Schmitte De Finibus Terrae». dws

Von den sieben Restaurants sind in Lengnau noch drei geblieben: die «Trattoria Il Carpaccio» (links), die «Krone» und neu die «Schmitte De Finibus Terrae». dws

Innerhalb von zehn Jahren ist im Bezirk Zurzach jedes fünfte Restaurant verschwunden – im Surbtal jedes zweite im Zeitraum von 30 Jahren. Im Zurzibiet kommt ein bestimmter Faktor besonders zum Tragen, der das Beizensterben zusätzlich beschleunigt.

Die Zahlen schmecken nicht: Jede fünfte Beiz im Zurzibiet hat in den letzten zehn Jahren die Tore geschlossen. 2005 konnten sich die Gäste in 106 Restaurants verköstigen. Ende 2014 waren es nur noch deren 84. Dies entspricht einem Minus von über 20 Prozent.

Damit liegt man deutlich über dem kantonalen Schnitt. Dort gingen im gleichen Zeitraum 247 von insgesamt 1681 Gaststätten zu.

 

Für den Gastro-Aargau-Präsidenten Josef Füglistaller ist klar: «Die Entwicklung im Bezirk Zurzach ist extremer als in anderen Regionen.» Im Zurzibiet kommt ein Faktor besonders zum Tragen, der das Beizensterben zusätzlich beschleunigt: die grenznahe Lage.

«Schon vor der Frankenstärke konnten die Restaurants ennet der Grenze ihre Menüs günstiger anbieten», sagt Füglistaller. «Jetzt herrscht ein regelrechter Gastro-Tourismus.»

Zusätzlich zum Standortnachteil hat sich das Konsumverhalten in den letzten Jahren markant verändert. Die traditionellen Restaurants verschwinden.

Gleichzeitig nehmen die Verpflegungsmöglichkeiten an Take-aways, bei Grossverteilern und Tankstellen zu. «Früher traf man sich am Stammtisch, verbrachte dort den Feierabend, trank ein Bier und jasste», sagt Josef Füglistaller.

Zudem seien die Ansprüche gestiegen. «Früher hat ein einfaches Menü im Angebot ausgereicht. Heute wollen die Gäste auch im kleinsten Restaurant das beste Essen.» Zusammen mit den strengeren Auflagen seien die Kosten deshalb enorm gestiegen. «So kann man gar nicht existieren.»

Surbtal: Abbild des Bezirks

Bezeichnend für die Entwicklung im Zurzibiet ist das Surbtal. In Endingen gab es vor 30 Jahren neun Restaurants. Heute noch fünf: Das «China Town Rössli», die «Schmidstube» und die «Post» sowie der «Sonnenblick» und die «Traube» in Unterendingen.

Dem Nachbardorf Lengnau erging es nicht besser: Vor drei Jahrzehnten konnte sich die Bevölkerung in sechs Restaurants und im Café Schmitte bewirten lassen.

Unterdessen haben die «Sonne», das «Paradies» und die «Schützenstube» ihre Tore geschlossen. Das «Rössli» in Unterlengnau hat nur noch auf Anfrage offen. Das Dorf hat zwar 700 Einwohner mehr, dafür vier Restaurants weniger.

Der Rückgang der Anzahl Beizen im Zurzibiet ist überdurchschnittlich

Der Rückgang der Anzahl Beizen im Zurzibiet ist überdurchschnittlich

Heute buhlen im Dorf noch die «Trattoria Il Carpaccio», das Restaurant Nix in der Krone und neu das Ristorante Schmitte De Finibus Terrae um Kundschaft. Nur Tegerfelden blieb vom Beizensterben verschont: Das «Wartegg» und im «Löwen» waren schon vor 30 Jahren die einzigen Beizen in der Gemeinde. Das ist auch heute noch so.

Restaurants sind wichtig für die Gemeinden. Davon ist der Lengnauer Gemeindeschreiber Anselm Rohner überzeugt. «Sie beleben das Dorf.» Obwohl jedes zweite Restaurants unterdessen geschlossen hat: «Mit drei Restaurants im Zentrum sowie den zwei Buschbeizen im Vogelsang und jene im Degermoos steht das Dorf nicht schlecht da», sagt Rohner.

«Würenlingen beispielsweise hat auch drei Restaurants.» Wichtig sei, dass jeden Tag mindestens eines der Restaurants offen habe – durchgehend. Dies sei in Lengnau neu wieder der Fall.

Im Dorf macht sich eine weitere Entwicklung bemerkbar: Die drei verbliebenen Gaststätten haben einen italienischen Touch. «Spezialisierte Restaurants, besonders italienische, sind beliebt», sagt Josef Füglistaller. Zudem seien gerade die italienischen Gaststätten einfacher zu führen. «Man braucht eine kleinere Infrastruktur.»

Dem Vorwurf, dass die Beizenlandschaft in Lengnau etwas eintönig sei, widerspricht Gemeindeschreiber Anselm Rohner: «Der Blick auf die Menü-Karte zeigt etwas anders.»

So sei die Trattoria ganz italienisch, die «Krone» biete neben Pizzas vorwiegend Schweizer Küche an und das Ristorante Schmitte habe gar keine Pizzas im Angebot, sondern vor allem Fisch und Pasta.

Tatsache ist: Die traditionellen Beizen von früher gibt es heute nicht mehr. «Der eine oder andere vermisst diese Spunten vielleicht. Aber die jetzigen Restaurants haben auch ihr eigenes, spezielles Flair.»

Ausserdem könne die Gemeinde keinen Einfluss auf die Speisekarte der Restaurants nehmen, sagt Rohner. «In der Schweiz herrscht Gewerbefreiheit.» Dies gelte auch für die «Krone», deren Besitzer die Gemeinde ist. «Dort können wir nur bei den Öffnungszeiten mitreden.»

Und: Den Stammtisch müsse nach wie vor niemand missen. «In allen drei Restaurants hat es einen solchen Tisch.»

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