Einer Gemeinderätin hat Gustav (Name geändert) «holländische Schlampe» an den Kopf geworfen; dem Gemeindeammann in Aussicht gestellt «d’ Fuscht i d’ Schnore z’haue». Dies sind zwei von mehreren verbalen «Entgleisungen», welche Gustav, vorbestraft wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz, 31 Tage Aufenthalt in U-Haft und anschliessend eine Anklage wegen mehrfacher versuchter Gewalt und Drohung gegen Beamte, eventuell Nötigung, sowie Beschimpfung eingebracht haben. 12 Monate Freiheits- und 1500 Franken Geldstrafe sowie 2000 Franken Busse waren beantragt.

Gustav ist Landwirt. Sein Hof steht mitten in einem Surbtaler Dorf. Ein Ausstandsgesuch des Bezirksgerichts Zurzach wegen Befangenheit war vom Obergericht gutgeheissen und das Strafverfahren zur Beurteilung an das Bezirksgericht Baden überwiesen worden.

Dort hat Gustav jetzt gesessen – locker, selbst- und siegessicher. Mit seinen 71 Jahren ist er noch voll im Saft, arbeitet 14 Stunden am Tag und schaut nach Feierabend Fernsehen. Seine Verteidigerin sagt, er sei beliebt im Dorf, halte immer mal gerne einen Schwatz – ehemals auch mit der Gemeinderätin und dem Gemeindeammann. Heute nicht mehr. Seit vier Jahren steht Gustav mit den Behörden auf Kriegsfuss.

Land in welcher Zone?

Ursache ist ein Stück Land respektive das liebe Geld. Vor längerer Zeit hatte die Gemeinde den Plan gefasst, auf einem Grundstück, das Gustav vor 20 Jahren erworben hatte, auf 30 Aren einen «Dorfpark» und ein Regenbecken zu errichten. Gustav aber wollte und will das Land nicht verkaufen. Jedenfalls nicht zu dem von der Gemeinde offerierten Preis von 160 Franken je Quadratmeter. Gustav hält 780 Franken für angemessen, denn seiner Ansicht nach ist sein gesamtes Grundstück kostbares Bauland W3. Genau betrachtet aber liegen die 30 Aren ausserhalb dieser Zone.

Längst hat Gustav auf stur geschaltet. Seit Jahren weicht er keinen Millimeter von seinen Preisvorstellungen ab, kämpft in den Verhandlungen verbal mit harten Bandagen. Er hat sowohl schon das Bundesgericht an- als eben auch Behördenmitgliedern gegenüber tüchtig ausgerufen.

Beispielsweise hat er eines Abends im April 2013 auf der Strasse den Gemeindeammann völlig überraschend am Arm gepackt und ihm mit entsprechender Gebärde einen Faustschlag angedroht. Als der Ammann den Bauer im Jahr darauf telefonisch darauf aufmerksam machte, dass es beim Scheitern der Preisverhandlungen letztlich zu einer Enteignung komme, hatte Gustav mit «denn ligged er dört im Gmeindhus alli flach» gekontert.

Im Oktober 2013 hat er der Gemeinderätin vom Traktor herunter «Wänn ehr so witer machet, landet ehr alli uf em Totewägeli, ond zwar dr Gmeindamme zerscht…» und weitere Drohungen an den Kopf geworfen. Im Juni 2014 hat er sie auf offener Strasse mit «ehr werdet no vo mer ghöre ond es wird ehr u no allne leid tue» verängstigt und mit einem Schwall von Verbalinjurien wie «du huere verdammti, verlogeni Holländer Schnalle» als Schweizerin mit Migrationshintergrund zutiefst schockiert.

Nach reiflicher Überlegung hatte der fünfköpfige Gemeinderat schliesslich in corpore Strafanzeige gegen Gustav eingereicht.

Kernig, ruppig, unberechenbar

Vor Einzelrichter Lukas Cotti haben die beiden direkt Betroffenen ihre Aussagen bestätigt. Gustav seinerseits äusserte sich nicht zu den Vorwürfen, sondern verwies auf die Protokolle seiner Einvernahmen durch den Staatsanwalt. Er habe, räumte er ein, «schon Ecken und Kanten, und die Sprache des Landwirts ist schon ein bisschen gröber als allgemein. Aber ich bin weder gewaltbereit noch gefährlich».

Ein Gutachter hat bei Gustav keine psychopathologische Auffälligkeit» festgestellt, dass er aber in gewissen Situationen zu einer gewissen Unberechenbarkeit neigen könne. Seine Verteidigerin forderte Freisprüche. Sie betonte, Gustav sei ein «kerniger Mann, der seine Meinung bisweilen in ruppiger Art kundtut». Objektiv seien die Vorwürfe gegen ihn nicht nachzuweisen.

Richter Lukas Cotti sprach Gustav jetzt in einem Nebenpunkt frei, ansonsten schuldig gemäss Anklage und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten und 600 Franken Geldstrafe.

«Ich habe zwar gewisse Bedenken, eine gute Prognose zu stellen. Darum wird die Gewährung des bedingten Vollzugs mit einer langen Probezeit von vier Jahren und der Weisung verbunden, sich von den Enteignungsverhandlungen gänzlich fernzuhalten und sie dem Sohn zu überlassen», so der Gerichtspräsident. Von den aus Gutachten, Verfahren und Parteientschädigungen anfallenden Kosten muss Gustav rund 30'000 Franken berappen.