1. Akt: Für Herz und Haus. Bauer Heiri (Name geändert), schlank, buschper und zwäg, hatte mal eine stattliche Landwirtschaft. Jetzt ist er 78, hält sich noch zwei Schweine, bewirtschaftet seine Obstbäume, einen grossen Gemüsegarten und zweieinhalb Hektar Wald. Via Inserat hatte der 62-jährige Witwer die zwölf Jahre jüngere Rita kennen gelernt. «Eine Frau für Haus und Herz hat er gesucht», sagt Rita, und so war sie 2002 auf seinen Hof gezogen. «Wir lebten in einer Ehe-ähnlichen, sehr guten Beziehung», sagte Heiri vor Gericht. Er hatte ihr Vollmachten über sämtliche administrativen, insbesondere auch die finanziellen Belange von sich und dem Hof übergeben. Viel Geld war nicht vorhanden.

2. Akt: Wie gewonnen, so zerronnen. 2012 aber war Heiri, nicht wie in der kleinen Niederdorfoper durch den Verkauf seines Kalbs, sondern durch Landverkäufe Millionär geworden. Nur: Wie gewonnen, so zerronnen: Fünf Jahre später herrscht Ebbe auf Heiris Konto. Rita stand als Beschuldigte vor Gericht. Heiri trat als Kläger auf. Er kümmerte sich einen Deut um das Finanzielle. Er überliess Rita das Geld-Management. Erstellt ist, dass Heiri 200'000 Franken, als Absicherung, falls er sterben würde, auf ihr Sparkonto überwiesen hatte. Belegt ist zudem, dass rund 450'000 Franken zur Tilgung einer Hypothek und Darlehen verwendet worden waren. Bleibt die Frage, wohin das restliche Geld entschwunden ist. Der Staatsanwalt hielt fest, Rita habe knapp 240'000 Franken für anfallende Kosten wie Einkäufe, Versicherungsprämien, Unterhaltsarbeiten, Anschaffungen abgehoben; 254'803.90 Franken habe sie jedoch unrechtmässig für eigene Zwecke verwendet.

Das stimme, so Rita, «hinten und vorn nicht». Sie habe durchschnittlich pro Monat 4500 Franken abgehoben, das Geld im Küchenkasten in die Schublade mit den Geschirrtüchlein getan, und Heiri habe davon seine Rechnungen bezahlt, seine sonntäglichen Besuche im Thermalbad und seine Ferien – «zweimal pro Jahr, mich hat er aber nur öppe drei Mal mitgenommen». Weil Rita von 2005 bis 2011 keine Steuererklärungen für Heiri eingereicht hatte – was dieser nicht merkte –, war er massiv zu hoch eingeschätzt und gebüsst worden, was den Bauern 167'000 Franken teuer zu stehen kam. Ab 2012 hatte sie auf den Steuererklärungen Heiris Unterschrift gefälscht, «weil er einfach nichts dergleichen getan hat, sie einfach liess».

3. Akt: Im BH am Zmorgentisch. Vor Gericht konzentriert sich Rita vor allem darauf, ihr 14 Jahre dauerndes Martyrium an Heiris Seite zu schildern. «Ich war immer nur der Trottel, musste auch draussen und beim Vieh helfen, war seine Magd. Er hat mich herumbefohlen und gedemütigt.» Das Schlimmste sei gewesen, dass er immer einen BH trug, sogar beim Sex. Er sass damit und im Slip beim Zmorge. «Ich musste mit ihm in den Triumph-Outlet einkaufen gehen.» Körperlich habe sie sich ihm schliesslich verweigert. Bei ihm geblieben ist sie aber fast 15 Jahre.

Warum nur? Eine Antwort gab es vor Gericht nicht. Seit 2015 ist Rita in psychiatrischer Behandlung. Sie lebt heute von 1700 Franken AHV und 648 Franken Ergänzungsleistungen. Wo die 200'000 Franken von Heiri auf ihrem Sparkonto geblieben sind, liegt im Verborgenen.

4. Akt: Im Zweifel für den Angeklagten. Gemäss Staatsanwalt soll Rita mit zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt und 3000 Franken Busse bestraft werden. Der Anwalt von Heiri forderte 424'000 Franken Schadenersatz. Ritas Verteidigerin betonte, ihre Mandantin sei vollumfänglich freizusprechen, da «nicht nachgewiesen werden kann, dass sie Geld für eigene Zwecke zur Seite geschafft hat».

Das Gericht unter Vorsitz von Cyrill Kramer sprach Rita schuldig der Urkundenfälschung, weil sie mit Heiris gefälschter Unterschrift einen Mobiltelefonvertrag für sich abgeschlossen hatte. Ansonsten wurde die 65-Jährige freigesprochen. «Wir gehen davon aus, dass die Beschuldigte sich Heiri nicht als verantwortlich für die Finanzen aufgedrängt hatte, dass er es vielmehr von ihr verlangt hatte. Zudem ist selbst dem Staatsanwalt unklar, wohin das Geld geflossen ist. Nach dem Grundsatz ‹im Zweifel für den Angeklagten› geht das Gericht davon aus, dass das Geld – auch wenn die Summe sehr hoch ist – halt für Lebenshaltungskosten verwendet worden war», begründete der Gerichtspräsident das Urteil.