Über 100 freiwillig Engagierte aus Bad Zurzach, Baldingen, Böbikon, Fisibach, Kaiserstuhl, Mellikon, Rekingen, Rietheim, Rümikon und Wislikofen erarbeiten in den nächsten rund eineinhalb Jahren die Grundlagen, die es braucht, damit letztlich in den Projektgemeinden von Rheintal+ über einen Zusammenschluss abstimmt werden kann.

«Jeder Marathon beginnt mit dem ersten Schritt», sagte Projektbegleiter Jean-Claude Kleiner einleitend. Die Beteiligten nahmen die Aufforderung an und stiegen mit Sportsgeist in die Diskussion ein. Zum Beispiel zum emotionalen Thema Name und Wappen einer allfälligen neuen Gemeinde.

 Als externer Referent gastierte Rolf Kälin beim Projekt Rheintal+, das am 14. September in Bad Zurzach tagte. «Jedes neue Land hisst als Erstes seine neue Fahne», so der Heraldiker und verwies auf die kantonale Gesetzgebung, welche jede neue Gemeinde im Aargau zu einem Namen und einem Wappen verpflichtet. «Dabei gibt es zwei mögliche Szenarien», so der Fachmann. «Einerseits würde es sich anbieten, den Namen und das Wappen der grössten am Projekt beteiligten Gemeinde zu übernehmen oder dann sowohl einen komplett neuen Namen als auch ein neues Wappen nach heraldischen Richtlinien zu erschaffen.»

 Gemeindenamen und Wappen emotionale Themen

«Einfach, klar, prägnant.» So muss nach Rolf Kälin ein gutes Wappen gestaltet sein. Dabei gilt es ein umfassendes Regelwerk zu beachten in Bezug auf die Farben, die Raumgestaltung des sogenannten Schildes, die Stilisierung oder Perspektive der Abbildungen. Schon während den Ausführungen des Wappenkundlers ging ein unüberhörbares Raunen durch die Reihen der Anwesenden. Wie sehr die Themen Namen und Wappen bewegen, zeigte schliesslich der Austausch in der zuständigen Arbeitsgruppe 7, «Kultur, Name, Wappen». Walter Andesner gestand: «Ich habe mir im Vorfeld schon einige Überlegungen zu unserem Arbeitsschwerpunkt gemacht und sogar Wappenentwürfe erstellt».

Das Arbeitsgruppenmitglied aus Rietheim weiter: «Doch jetzt weiss ich, warum ich alle meine Ideen gleich wieder begraben kann.» Arbeitsgruppenkollegin Irene Keller aus Böbikon warf ein: «Nichts desto trotz treiben Name und Wappen die Menschen unserer Region um. Wo immer ich auf das Projekt Rheintal+ zu sprechen komme, spüre ich Ängste in Bezug auf den damit einhergehenden Identitätsverlust.»

 Neue Gemeinde, gleichbleibende Ortsteile

Sowohl Rolf Kälin als auch Jean-Claude Kleiner konnten die kursierenden Befürchtungen umgehend widerlegen. «Bei einer allfälligen Fusion würden alle Ortsnamen der zehn Projektgemeinden samt Postleitzahlen und Strassenbezeichnungen erhalten bleiben.» Um alles gäbe es jedoch eine Art Klammer, wofür ein neuer Name gefunden werden müsste. Würde diese Klammer beziehungsweise neue Gemeinde beispielsweise in Anlehnung an die keltische Namensgebung der Region «Tenedo» lauten, stünde künftig auf der Ortstafel von Mellikon: Mellikon und darunter als Zusatz in Klammern (Gemeinde Tenedo). Nachdem mit dieser Klarstellung erste Wogen geglättet waren, einigten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe 7 darauf, bis zum nächsten Workshop Namensvorschläge auszuhecken. Ziel ist es, der Bevölkerung aller Projektgemeinden verschiedene Vorschläge zu Name und Wappen der neuen Gemeinde zur Auswahl und Abstimmung vorlegen zu können.

 Richtige Flughöhe

Der Blick in die anderen sieben Arbeitsgruppen von Rheintal+ zeigte, dass alle Teams in Bezug auf Fachwissen, Interessen, Alter und Ortsbezüge bestens durchmischt sind und sich alle Beteiligten engagiert hinter die Lösungen der gestellten Aufgaben machten. Bei der abschliessenden Feedbackgrunde wurde deutlich, wo zur Effizienzsteigerung der kommenden Sitzungen weiterführende Informationen beschafft oder Fachgäste beigezogen werden müssen. Jean-Claude Kleiner erinnerte bei allem Arbeitseifer daran, dass es bei einem solchen Projekt zentral sei, die richtige Flughöhe zu finden. «Es gilt, die Themen in der Breite zu erfassen und die speziell sensiblen Punkte ausfindig zu machen.»

Sensibler Punkt: Ortsbürgergemeinden

Einen solchen Brennpunkt bilden unter anderem die Ortsbürgergemeinden. Entsprechend froh war die zuständige Arbeitsgruppe 6 «Ortsbürgergemeinden, Forst, Werkhof/Abfall» über die Anwesenheit von Yvonne Reichlin-Zobrist. Die Leiterin der Gemeindeabteilung des Departements Volkswirtschaft und Inneres des Kantons Aargau konnte aus erster Hand erklären, dass es für die bestehenden Ortsbürgergemeinden bei einer allfälligen Fusion der Einwohnergemeinden nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder die Auflösung und Einbindung in die jeweilige Einwohnergemeinde vor der Fusion der Einwohnergemeinden oder der Zusammenschluss mit den anderen Ortsbürgergemeinden zu einer neuen Ortbürgergemeinde.

 Wissen, wie weiter

Als weitere Knackpunkte im ambitionierten Rheintal+-Projekt gelten etwa die Schulsituation von Fisibach und Kaiserstuhl oder das Kapitel Versorgungs-Entsorgungswesen, das praktisch in allen Projektgemeinden unterschiedlich gelöst ist. «Wir gehen mit vielen Aufgaben nach Hause», meinte denn auch die Sprecherin der zuständigen Arbeitsgruppe 5 «Versorgung/Entsorgung, Sicherheit», die Fisibacher Gemeinderätin Corinne Schneider. Dies jedoch nicht in einem resignierten, sondern hoch motivierten Tonfall.

Zum entspannten Umgang während der ersten Arbeitssitzung hatte auch das einleitende Votum von Reto S. Fuchs, Gemeindeammann von Bad Zurzach beigetragen, der mehrfach betonte, dass Rheintal+ kein Übernahmeprojekt der Gemeinde Bad Zurzach sei. «Ich bin glücklich und froh, dass wir im Rahmen des Projekts Rheintal+ alle zusammenarbeiten können. Ob dies zu einem Zusammenschluss aller oder gewisser Projektgemeinden führen wird, steht in den Sternen. Doch nach der Prüfung und entsprechenden Abstimmung wissen wir, ob wir den Fusionsgedanken ad acta legen können oder ob es gemeinsam Richtung Zukunft gehen soll.»