Der Einzige, der an den Holzerarbeiten in der Rietheimer Aue seine helle Freude hat, ist der Biber – wie an einem Snackbuffet kann er sich an den herumliegenden Ästen und Stämmen bedienen. Weniger begeistert sind die Zweibeiner:

Im Dorfgespräch und in Online-Foren zeigt sich mancher entsetzt, dass im Zuge der Auen-Renaturierung «Chly Rhy» ein grosses Stück Wald abgeholzt werden musste. Von «Massaker an einem Mischwald» wird gesprochen. «Das Bild, das sich einem beim Vorbeifahren mit dem Zug bietet, ist grauenvoll», meint eine Facebook-Userin. Man fürchtet, dass im Sommer Touristen ausbleiben könnten, und dass die Vögel unter dem Verlust von Brutplätzen leiden würden.

Ein Augenschein vor Ort

Und tatsächlich: Obwohl der geteerte Spazierweg mittlerweile weitgehend vom Dreck befreit wurde, bietet sich in der Aue ein Bild, das im ersten Moment erschrecken mag. Baumstrünke, aufgetürmte Stämme am Wegrand, abgeschlagene Äste, und überall Matsch, durch den sich die Furchen der Forstmaschinen ziehen. Nein, ein schöner Anblick ist das nicht – da stimmen auch Erik Olbrecht und Ulysses Witzig zu. Der Projektleiter bei der kantonalen Sektion für Natur und Landschaft, und der Geschäftsführer der creaNatira, Tochtergesellschaft der Pro Natura Aargau, begleiten das Projekt «Chly Rhy» und erläutern der az die Lage vor Ort.

«Insgesamt wurden hier etwa 1800 m Holz gefällt», sagt Witzig. Das entspreche rund 2000 Bäumen. «Die meisten davon waren nordamerikanische Pappeln – eine Hybridkultur, die hier in den 60er-Jahren angepflanzt wurde.» Diese hätten auch ohne die Auenprojekt-Grabarbeiten weichen müssen: «Wir wollen einheimische Arten wie die Schwarzpappel fördern.»

Auch ein paar ebenfalls fremde, unwillkommene Robinien wurden abgeholzt; sie hatten sich zu stark ausgebreitet und hiesige Pflanzen verdrängt. Daneben fielen jedoch auch einheimische Gehölze der Säge zum Opfer. «Das war notwendig, weil hier ein grosser Teil der Bodenschicht abgetragen wird», sagt Erik Olbrecht. «Ganz unten am Rheinufer werden es bis zu zwei Meter sein.» Das Gebiet dort soll künftig zeitweise überschwemmt werden – die Bäume mussten daher weg.

Nur ein paar wenige Bauminseln sind stehen geblieben. «Ulysses Witzig und ich sind einen ganzen Tag lang zusammen mit dem Kreisförster durch den Wald gestiefelt und haben jeden einzelnen Baum geprüft», erzählt Olbrecht. Mit grüner Sprayfarbe haben sie markiert, welche Bäume bleiben dürfen: Ein paar auenwaldtypische Ulmen, Silberweiden und Waldföhren stehen noch, und eine besonders schöne Eiche gleich beim Rheinufer. Sie wird, wenn das Auenprojekt abgeschlossen ist, auf einer Insel mitten im Fluss stehen.

Von einigen Bäumen stehen noch zwei Meter hohe, oben abgesägte Stämme. Sie sind mit oranger Sprayfarbe markiert. «Diese Bäume», so Olbrecht, «werden mitsamt Wurzelstock ausgebaggert und dann ‹kopfüber› ins spätere Flussbett gerammt.» Die Wurzelstöcke dienen den Fischen als Versteck. Ausserdem sammelt sich an ihnen Geschwemmsel, das Inseln bilden kann und damit vielen Kleintieren Unterschlupf bietet.

Auen-«Vorschau» in Lauffohr

Olbrecht und Witzig können nachvollziehen, dass die Zurzibieter vom ungewohnt kahlen Bild der Rietheimer Aue nicht allzu begeistert sind. «Es wird einige Zeit dauern, bis sich die Vegetation hier wieder normalisiert», sagt Olbrecht. Er gehe davon aus, dass im Sommer 2015 die ersten Kräuter wachsen. Ulysses Witzig beteuert, dass die Vögel durch das Auenprojekt keine Nachteile hätten – im Gegenteil: «Wir haben bei der Planung darauf geachtet, dass die Holzerarbeiten noch vor der Brutzeit Ende März abgeschlossen sind», sagt er.

«Und rundherum haben die Tiere genügend Brutmöglichkeiten.» Längerfristig würden sowohl Vögel als auch andere Tiere von einer renaturierten Auenlandschaft profitieren. Die beiden Naturschützer glauben zudem nicht, dass der Tourismus in Rietheim unter den Bauarbeiten leiden wird: «Ich würde wetten: Diesen Sommer kommen besonders viele Besucher – so grosse Baustellen interessieren die Leute», sagt Erik Olbrecht.

Denen, die heute schon wissen wollen, wie die Aue in ein paar Jahren aussehen wird, empfehlen Witzig und Olbrecht einen Ausflug nach Lauffohr bei Brugg – die dortige Auenlandschaft im Wasserschloss sei ein Paradebeispiel für eine gelungene Renaturierung.

9,38 Millionen Franken wird das Rietheimer Auenprojekt gemäss Voranschlag kosten. «Der Grossteil davon entfällt auf die Erdbewegungen», sagt Erik Olbrecht – also auf die Entfernung der Erdmassen, die in den 60er-Jahren für ein geplantes Wasserkraftwerk aufgeschüttet wurden. Die Kosten werden vom Kanton, Pro Natura und Pro Natura Aargau sowie weiteren Institutionen getragen.

Ein kleiner Teil davon kann durch den Verkauf des geschlagenen Holzes gedeckt werden. Olbrecht: «Die Pappelstämme wurden an ein regionales Unternehmen verkauft, das Weichholzkerne für Ski herstellt. Es ist doch schön zu wissen, dass aus Rietheimer Bäumen solch edle Produkte gemacht werden.»