Bogenschiessen ist nicht einfach. Reiten auch nicht. Wer beides schon mal probiert hat, kann sich vorstellen, wie es sein muss, auf einem galoppierenden Pferd zu sitzen und gleichzeitig mit einem Pfeil die Schiessscheibe zu treffen. Ganz schön schwierig? Ja. Aber lernbar – zum Beispiel auf dem Eschbachhof in Koblenz.

Dort unterrichtet Pettra Engeländer regelmässig «Natural Horseback Archery»; Bogenschiessen auf dem blanken Pferderücken. Die Deutsche beherrscht diese faszinierende Kampfkunst wie kaum eine Zweite und vermittelt sie im Rahmen ihrer «Independent European Horseback Archery School» (IEHAS). Deren Hauptsitz ist in Hessen, in Koblenz finden aber regelmässig Seminare statt.

Auf diesem Zurzibieter Hof lernt man Bogenschiessen wie Winnetou

Berittenes Bogenschiessen: So gehts.

Für diese reisen Teilnehmer aus der ganzen Schweiz ins Zurzibiet – bei unserem Besuch zum Beispiel aus Schaffhausen oder Luzern. Dieses Mal sind es ausschliesslich Frauen. Teilweise haben sie ihre eigenen Pferde dabei – das ist aber nicht Voraussetzung. Im Gegenteil: Die Pferde der Kursteilnehmer wären gar nicht begeistert, wenn ihre Reiter plötzlich versuchen würden, auf ihrem Rücken mit Waffen zu hantieren.

«Auch, weil viele Pferde von der Form der Pfeile an Reitpeitschen erinnert werden», sagt Engeländers Assistentin Iveta Hunziker. «Aber mit Zeit und Training kann man jedes Pferd ans Bogenschiessen gewöhnen.»

Ponys statt Pferde

Für die Seminare hat Engeländer deshalb zwei ihrer Ponys mitgebracht. Mit ihnen hat die kleine, energische Frau schon unzählige Shows bestritten. Die beiden Huzulen – so nennt sich die Rasse – sind also ideal, um auch Anfängern ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Denn: Bei den Seminaren braucht es keine Vorkenntnisse, weder im Reiten noch im Schiessen.

Vorerst müssen Engeländers Ponys auf ihren Einsatz warten. Während sie freilaufend die grosse Reithalle des Eschbachhofs inspizieren, sich genüsslich wälzen und an den bereits aufgestellten Zielscheiben knabbern, machen die Kursteilnehmer Aufwärmübungen. Nicht nur für die Muskeln, auch für den Geist. Pettra Engeländer erklärt, Konzentration und Zentrierung seien das Wichtigste am von ihr entwickelten «HorseAikido», von dem sich das «Natural Horseback Archery» ableitet.

Die Spannung im Körper des Reiters muss stimmen. «Den Pfeil ins Ziel zu bringen hat nichts mit Zielen zu tun. Es geht alleine um die Wahrnehmung und die Körperzentrierung; den freien, unabhängigen Sitz», sagt sie. Dass ihre Kursteilnehmerinnen jetzt halb erstaunt, halb verwirrt dreinschauen, stört Engeländer nicht weiter – sie weiss, dass diese im Verlauf des Kurses noch erkennen werden, was gemeint ist.

Üben, üben, üben

Nach einer knappen Stunde dürfen die Seminarteilnehmer an Pfeil und Bogen ran, erst einmal ohne Pferd. Pettra Engeländer hat die Waffen mit einem Bogenbauer eigens für das «Natural Horseback Archery» entwickelt. Nach den ersten, ungelenken Versuchen wird klar: So einfach ist die Sache nicht. Es braucht schon Dutzende Anläufe, bis die Handhabung stimmt – so, dass man im Idealfall in vollem Galopp blind mehrere Pfeile hintereinander ziehen, «einnocken» und abschiessen kann.

Iveta Hunziker erklärt einer Seminarteilnehmerin, wie man einen Pfeil einnockt.

Iveta Hunziker erklärt einer Seminarteilnehmerin, wie man einen Pfeil einnockt.

Instruktor Martin Rutishauser zeigt geduldig, wie es geht. Der Nussbaumer ist derzeit der einzige «Natural Horseback Archery»-Profi der Schweiz. Sein erstes Seminar hat er 2012 besucht – das hat ihm derart zugesagt, dass er sich zum Trainer ausbilden liess und in Engeländers Schule eintrat. «Es war lange mein Wunsch, mit Pferden zusammen zu sein», sagt er. Das Vorhaben setzte er mit 34 Jahren in die Tat um. «Als Künstler und Musiker suchte ich eine tiefe Verbindung zum Wesen Pferd. Die Vorstellung, freihändig in Harmonie mit dem Pferd zu galoppieren und dabei einen Bogen zu ziehen und zu schiessen, schien mir ein guter Weg zu sein, diese Verbindung zu finden.»

Derzeit bereitet er sich auf die Prüfung für den «3. Skill Level» vor, ähnlich der Gürtelprüfungen in anderen Kampfsportarten. Schafft er es, ist er zu Weltmeisterschaften und Profiturnieren zugelassen. Er sehe Natural Horseback Archery aber weniger als Sport, sondern eher als Kunstform an, sagt Rutishauser. «Ich bin fasziniert von dem Moment, bei dem man mit dem Pferd eine vollkommene Symbiose bildet und gemeinsam das Ziel trifft. Man ist dann im Hier und Jetzt – ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit und des Friedens.»

Dieses Gefühl vermittelt er gerne. Im letzten Jahr haben rund 50 Personen an den Seminaren in der Schweiz teilgenommen. «Davon gibt es eine Trainingsgruppe von 10 Leuten, welche unter meiner Leitung regelmässig hier trainiert», sagt Ruttishauser.

Am Ende dieser zweitägigen Seminare sollen es alle Teilnehmenden schaffen, vom Pferderücken aus einen Pfeil abzuschiessen und die Zielscheibe zu treffen – je nach Können im Schritt an der Leine oder in einer schnelleren Gangart. Wie es aussieht, wenn Profis am Werk sind, demonstriert Engeländer kurz vor der Mittagspause am ersten Kurstag: Souverän schiesst sie beim Vorbeigaloppieren nicht einen, sondern gleich drei Pfeile hintereinander mitten ins gelbe Zentrum der Zielscheibe. Sie würde noch viel mehr schaffen – aber die Halle ist zu klein.

Der nächste HorseAikido-Kurs in Koblenz findet am 25./26. Mai statt, ein Seminar in Natural Horseback Archery am 27./28. Mai.