Europa-Reise

Auf dem Velo von der Bretagne ans Schwarze Meer mit Stippvisite in Bad Zurzach

Bruno und Martine Hurel legen mit gut 60 Kilometern in den Beinen einen Halt in Bad Zurzach ein.

Bruno und Martine Hurel legen mit gut 60 Kilometern in den Beinen einen Halt in Bad Zurzach ein.

Dösende Dauermieter, ein französisches Ehepaar und zwei vollbepackte Drahtesel – ein Bummel über den Bad Zurzacher Campingplatz.

Flirrende Hitze liegt über dem Campingplatz Bad Zurzach. Vom benachbarten Regibad unterbrechen Kinderjauchzen und erfrischende «Platscher» von Landungen in der Sprunggrube die geradezu gespenstisch anmutende Stille zwischen den Wohnwagen.

Vor dem einen hält eine ältere Dame im Liegestuhl Siesta. Schräg gegenüber sitzt ein Mann dösend vor einem kühlen Bier und etwas entfernt blättert eine jüngere Frau hinter einer Flasche Mineralwasser träge in einer Illustrierten. Von den 150 Stellplätzen für Caravans sind gut 130 seit Jahren von Dauermietern belegt. Ein stattlicher Teil dieser Wohnwagen steht verlassen und verriegelt da.

Auf kleinen Wiesenstücken gibt es Platz für maximal 25 Zelte. Auf einem von ihnen sind fünf kleine und ein grösseres Zelt aufgebaut, ihre Bewohner offensichtlich kurzfristig ausgeflogen. An einem überdachten langen Holztisch aber sitzt ein nicht mehr ganz junges Paar in Veloklamotten, in den Gesichtern Spuren von Sonnencreme. Die Zwei machen neugierig: Ist es erlaubt? «Mais oui, certainement.» Romands? Nein, Franzosen.

Rast in Bad Zurzach, dann weiter nach Passau

Bruno und Martine Hurel kommen aus Solesmes, einem 1200-Seelen-Ort im Departement Sarthe, 40 Kilometer von Le Mans entfernt. Er ist Informatiker, sie Grundschullehrerin und Veloferien sind seit Jahrzehnten ihre Leidenschaft. «Schon als die jüngste unserer drei, inzwischen um die 30 Jahre alten Töchter, sechsjährig war, hatten wir gemeinsam eine Tour von der Romantischen Strasse zu den Schlössern König Ludwig II. gemacht.» Inzwischen gehen, respektive pedalen die Töchter eigene Wege.

In Bad Zurzach machten Martine und Bruno Rast auf ihrem Weg nach Passau. Die bayrische Stadt, in der Donau, Inn und Ilz zusammenfliessen, ist allerdings nur das Etappenziel ihrer Tour vom Atlantik ans Schwarze Meer. «Vor fünf Jahren waren wir von Saint-Nazaire in der Bretagne nach Basel pedalt – 1300 Kilometer in vier Wochen. In den folgenden Jahren waren dann andere Touren dazwischen gekommen, aber jetzt haben wir die zweite Etappe in Angriff genommen.»

Mit dem Zug waren die Hurels nach Huningue bei Basel gefahren; drei Wochen haben sie für die 800 Kilometer bis Passau eingeplant. «Wegen Knieproblemen habe ich ganz neu ein E-Bike», räumt Martine ein. Dann hat sie jetzt also immer die Leaderposition inne? «Non, non – elle est quand même toujours derrière moi», stellt Bruno klar.

Im Rentenalter folgt das Schlussbukett

Von Passau zum Schwarzen Meer soll es bereits kommendes Jahr weitergehen: «Dann sind wir beide in Rente und haben jede Menge Zeit für die rund 2400 Kilometer.» Die Vorfreude ist Martine und Bruno ins Gesicht geschrieben. Und wenn’s regnet? Sie seien «toujours en pedale» – wenn nicht, dann müsse es schon – comme un seau – wie aus Kübeln regnen.

Im Gepäck der Hurels – pro Person zwischen 15 und 20 Kilo schwer – sind nicht nur ein Zelt und Kleider, sondern auch Kochutensilien. Mittags gibt’s Picknick, abends wird gekocht. Cuisine française avec un verre de vin? «Höchst selten und wenn, dann in einem Restaurant.» Jede Woche wird ein velofreier Tag eingelegt und Wäsche gewaschen.

Hallo Nachbar Premierminister

Die vielen interessanten Begegnungen mit den verschiedensten Menschen schätzt das Ehepaar Hurel ebenso, wie die Sehenswürdigkeiten, die sie abseits der grossen Heerstrassen entdecken. Eine bekannte Sehenswürdigkeit haben die beiden leidenschaftlichen Pedaleure mit der 1010 gegründeten Benediktinerabtei Abbaye Saint-Pierre de Solesmes auch zu Hause.

Überdies lebt ein sehr prominenter Politiker in unmittelbarer Nachbarschaft von Bruno und Martine: François Fillon! Von 2007 bis 2012 französischer Premierminister, hatte er bei der Präsidentschaftswahl 2017 monatelang vor Macron und Le Pen als Favorit gegolten, bis er über eine Affäre um die Scheinbeschäftigung seiner Frau stolperte.

Vor einem Monat wurde der 66-Jährige deshalb zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt – zwei Jahre davon unbedingt. Da die Anwälte bereits Berufung angekündet haben, wird Nachbar Fillon vorerst aber weiterhin in der Nachbarschaft der Hurels anzutreffen sein.

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