Schneisingen

Auf dem Achenberg war eine Art KZ geplant

Die Besucher der Generalversammlung lauschten gespannt den Ausführungen. ZA

Die Besucher der Generalversammlung lauschten gespannt den Ausführungen. ZA

Zeitzeugen berichteten an der Generalversammlung des Museumsvereins von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs.

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende eines barbarischen Krieges in Europa mit Millionen Toten, zerstörten Städten, Elend und Leid. Die Erleichterung nach der Kapitulation Deutschlands war gross – auch in Schneisingen. Im Rahmen der ersten ordentlichen Generalversammlung des Museumsvereins berichteten sechs Zeitzeugen über ihre Erlebnisse an diesem denkwürdigen Tag und während der Kriegsjahre. In der heimeligen Stube des Rohnerhauses am Schlössliweg erzählten Alice Muggli (Jahrgang 1924), Adalbert Meier (1925), Irma Meier (1928), der ehemalige Gemeindeammann Franz Meier-Lehmann (1931), Dr. Max Knecht aus Wettingen (1929) und Albert Meier (1925).

Das Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Schneisingen – wie überall in der Schweiz – mit Glockengeläut und mit einem grossen Fest gefeiert. «Am Abend war ich nicht mehr ganz nüchtern», erinnert sich Adalbert Meier, «denn die Freude über das Ende des Krieges war gross und das Fest dementsprechend ausgelassen.» Schneisingen war der Kriegsmobilmachungsplatz des Grenzfüsilierbataillons 251, das für Feldbefestigungen und für den Bau von Hindernissen eingesetzt wurde. Die Zeitzeugen berichteten von der Lebensmittelrationierung, von der Anbauschlacht auf den umliegenden Feldern, vom Fliegerangriff der Alliierten auf die Maschinenhalle der Bucher-Guyer AG am 7. Dezember 1944, von den Begegnungen mit den im «Schlad» internierten Polen sowie von Hinrichtungen von zwei Landesverrätern auf dem «Hitlerplatz» bei Bachs, nur wenige Kilometer von Schneisingen entfernt.

Doch auch in den Kriegsjahren mit all ihren schauderhaften Ereignissen ging die Menschlichkeit nicht verloren. Adalbert Meier tat 1945 Dienst auf der Rheinbrücke bei Koblenz. An einem Sonntag erschien eine Gruppe deutscher Frauen mit leeren Taschen und Körben auf der Brücke. Meier wunderte sich über den Vorgang, erkannte aber schnell, was sich da abspielte. Auch auf Schweizer Seite tauchte eine Gruppe Frauen auf – mit Taschen voller Lebensmittel. Die beiden Gruppen begegneten sich nur zögerlich, weil sie befürchteten, der Wachsoldat könnte eingreifen und die Übergabe der Lebensmittel verhindern. Adalbert Meier aber dachte nicht daran, etwas gegen diesen Akt der Menschlichkeit zu unternehmen. «Überhaupt war an der Grenze ein reger Tauschhandel im Gange», erinnert sich Meier. «Auf der Eisenbahnbrücke verkauften Private Uhren an die Franzosen und wir Soldaten tauschten Zigaretten gegen Schweizer Franken.»

Die Zeitzeugen berichteten aber auch von Dingen, die weniger erfreulich waren und klar machten, wie gross die Angst der Bevölkerung vor dem Einmarsch der «Schwaben» gewesen sein musste. «Bei Propagandaveranstaltungen benutzten die Deutschen Lautsprecher, so dass wir alles mithören konnten», berichtete einer der Zeitzeugen. In Zurzach war der Gauleiter bereits bestimmt, ebenso die Personen, die nach dem Einmarsch liquidiert werden sollten. Mit Staunen nahmen die Mitglieder des Museumsvereins zur Kenntnis, dass auf dem Achenberg eine Art Konzentrationslager geplant war. Eher amüsant anzuhören war hingegen das Bekenntnis einiger Zeitzeugen, man habe befürchtet, die jungen Schneisinger Frauen könnten wegen der Anwesenheit der schneidigen polnischen Soldaten sittlich gefährdet sein.

Den Schlusspunkt hinter die erste GV setzte alt Gemeindeschreiber Hans Rub mit einer erheiternden Anekdote: Als junger Gemeindeangestellter war er betraut mit der Verteilung der Lebensmittelkarten. Nachdem er dem Pfarrer eine Zusatzkarte übergeben hatte, wurde er von seinem Vorgesetzten gefragt, weshalb er das getan habe – ein Pfarrer verrichte keine Schwerarbeit und habe deshalb kein Anrecht auf eine Zusatzkarte. Rubs schlagfertige Antwort: «Der Herr Pfarrer hat sehr wohl Anrecht auf eine Zusatzkarte. Von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends Beichten abnehmen, ist Schwerarbeit.»

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