Leibstadt

«Auch wir sitzen in der Falle»: AKW-Vorfälle lösen auch ennet der Grenze Angst aus

Ein AKW, zwei Länder, unterschiedliche Ansichten: Während auf Schweizer Seite das Atomkraftwerk Leibstadt trotz wiederholter Pannen viel Zuspruch geniesst, äussert die deutsche Seite am Betrieb harsche Kritik.

Ein AKW, zwei Länder, unterschiedliche Ansichten: Während auf Schweizer Seite das Atomkraftwerk Leibstadt trotz wiederholter Pannen viel Zuspruch geniesst, äussert die deutsche Seite am Betrieb harsche Kritik.

Die jüngsten Vorfälle im AKW Leibstadt sorgen ennet der Grenze für Unmut. Deutsche Politiker fordern Verbesserung bei den Kontrollen, Bewohner versuchen, die Bedrohung zu verdrängen. Atomkraftkritiker auf beiden Seiten zeigen sich resigniert

Wer im deutschen Waldshut entlang des Rheins spaziert, hat beim Blick über das Wasser den Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) immer deutlich vor Augen. Als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des KKL über Jahre hinweg Prüfprotokolle gefälscht hat, löste das nicht nur vonseiten der Atomaufsichtsbehörde Ensi Kritik aus.

Auch auf deutscher Seite reagiert man auf die Nachricht mit Entsetzen. Von Angst, Wut und Ungewissheit spricht beispielsweise der 26-jährige Waldshuter Robert Weicher: «Bei so etwas Wichtigem wie Atomkraft ist so ein Vorfall nicht sehr vertrauenswürdig. Man misstraut der Anlage und würde sich wünschen, dass sie abgeschaltet wird.» Metzgermeister Alexander Honegg (44) pflichtet ihm bei: «Es bleibt einem nichts anderes übrig, als mit der üblichen Verdrängung zu reagieren.»

Der Grundtenor in Waldshut: Die grenznahen AKW sorgen für Unbehagen, gegen die Souveränität der Schweiz beim Betreiben dieser fühlt man sich allerdings machtlos. «Erst wenn der letzte Atommeiler der Schweiz abgeschaltet ist, wird für die Menschen am Hochrhein auch der Atomausstieg Deutschlands seine volle Bedeutung entfalten können», erklärt der Waldshuter Bundestagsabgeordnete Felix Schreiner (CDU) auf Anfrage. Die Anwohner würden deshalb auch zu Recht von der deutschen Regierung eine kritische Begleitung der atomaren Kontrollen in der Schweiz fordern, so Schreiner weiter.

Nicht ernst genommen

Im Bundesumweltministerium ist die Waldshuterin Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) als Parlamentarische Staatssekretärin tätig. Über einen Sprecher lässt sie mitteilen, dass die Vorfälle im KKL in den vergangenen Jahren auf «Defizite in der Sicherheitskultur» hinweisen. Zwar verweist auch sie auf die Souveränität der Schweiz. Gleichermassen will sie beim nächsten Zusammentreffen der Deutsch-Schweizerischen Kommission für die Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen (DSK) «deutlich zum Ausdruck bringen, dass hier Verbesserungen erwartet werden».

Der Unmut gegen die Schweizer AKW hat sich auf deutscher Seite längst mobilisiert. Nach der Katastrophe in Fukushima im Jahr 2011 rief die Waldshuterin Monika Hermann-Schiel die Bürgerinitiative «Zukunft ohne Atom» (ZoA) ins Leben. Sie sagt: «Wir fühlen uns von den Verantwortlichen in der Schweiz nicht ernst genommen. Wenn etwas passiert, sitzen auch wir in der Falle.»

Sie selbst blicke dem Kühlturm jeden Tag vom Balkon aus entgegen. ZoA beteiligte sich vergangenes Jahr an der Demonstration auf der Rheinbrücke zwischen Koblenz und Waldshut. Im Hinblick auf die jüngsten Vorfälle war die sonst so engagierte Bewegung auffallend ruhig.

Herrmann-Schiel berichtet von zunehmender Resignation ob der «Sisyphusarbeit». «Seit Jahren rennen wir gegen eine Gummiwand. Bei dieser Aneinanderreihung an Fehlleistungen wird man das Schreien leid, kommt sich irgendwann albern vor. Es ist deprimierend», klagt sie.

Zu geringe Protestkultur

Die Waldshuterin ist überzeugt, dass ihr Anliegen mehr Erfolg hätte, wenn von der Schweizer Bevölkerung mehr Unterstützung käme: «Die Schweizer Freunde sind sehr aktiv, aber der Protest könnte breiter gestreut sein.» In dieser Woche erst beispielsweise zog eine Gruppe Beznauer eine Klage vor das Bundesgericht weiter, die über Erdbebensicherheit und somit Weiterbetrieb der dortigen AKW entscheiden soll. Gegen Leibstadt derweil, das jüngste AKW der Schweiz, regt sich kaum Protest. Die Einwohner sehen das KKL als notwendig für den Ort, den Kühlturm gar als Wahrzeichen.

«Die Resignation auf Schweizer Seite ist noch viel grösser», sagt Hanspeter Meier. Der Biobauer aus Full hat mehrere Demos gegen Atomstrom mitinitiiert und als Grünen-Politiker für den Grossen Rat kandidiert. Die Schweizer Bevölkerung zu mobilisieren sei allerdings schwierig, erklärt er. Die Protestkultur sei wenig ausgeprägt, auch aufgrund der politischen Möglichkeiten: «Wenn die Leute ein Anliegen haben, sammeln sie Unterschriften.»

Bei den vergangenen AKW-Demonstrationen habe zudem die junge Generation gefehlt. Diese trete nun zwar für Klimapolitik ein, für konkrete lokale Themen lasse sie sich allerdings nicht mobilisieren: «AKW sind für sie ein auslaufendes Modell.»

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