Würenlingen

Ärzte-Stopp wird gelockert – aber diese Bedingungen müssen erfüllt werden

In Würenlingen ist man sich sicher: Der Nachfolge-Kandidat von Peter Horowitz würde die neuen Anforderungen erfüllen.

In Würenlingen ist man sich sicher: Der Nachfolge-Kandidat von Peter Horowitz würde die neuen Anforderungen erfüllen.

Die strengen Zulassungsbeschränkungen für ausländische Hausärzte sorgen für deutlichen Widerstand – es herrscht Ärztemangel. Könnten die neuen Kriterien von Regierungsrätin Franziska Roth das Problem lösen?

Der Fall des Würenlinger Hausarztes Dr. Peter Horowitz hat beim Kanton für Bewegung gesorgt. Der 70-Jährige glaubte im Frühjahr, nach fünf Jahren erfolgloser Suche endlich einen valablen Nachfolger für seine Praxis gefunden zu haben.

Doch Kantonsarzt Martin Roth verweigerte die Zulassung des 43-jährigen Kandidaten aus Deutschland. Grund: Der Kanton setzt seit dem 15. März 2017 die Zulassungsbeschränkung des Bundes für ausländische Ärzte konsequent um (Ärzte-Stopp). Horowitz und sein Nachfolger hatten die eiligst eingeführte Frist um wenige Tage versäumt.

In Würenlingen machte sich Widerstand breit. Horowitz bat Regierungsrätin Franziska Roth (SVP) um eine Ausnahmeregelung. Er ging mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Bürger, angeführt von Alt-Ammann Arthur Schneider, schrieben Briefe an den Regierungsrat und die Fraktionschefs. Ihnen allen gemein: die Sorge um die ärztliche Grundversorgung. Neben Horowitz gibt es in der 4611-Einwohner-Gemeinde nur die Hausarztpraxis von Rolf und Maria-Pia Mahler.

Zunächst verhallte der Aufschrei ungehört. Doch die neuste Entwicklung dürfte in Würenlingen für Hoffnung sorgen. Das Gesundheitsdepartement (DSG) erarbeitet derzeit die Grundlagen für eine Verordnung, die Ausnehmeregelungen beim Zulassungsstopp für ausländische Ärzte zulassen soll.

Alt-Ammann Schneider wurde Anfang Februar von Regierungsrätin Roth zu einem Gespräch nach Aarau eingeladen. «Nach dem Brief- und Mailverkehr war dieser persönliche Kontakt sehr wertvoll», sagt er. Seine Erkenntnis: Der Kanton hat den Mangel an Hausärzten erkannt. Und: Der Notstand kann nur durch das Erteilen von Bewilligungen an ausländische Hausärzte behoben werden.

Die Kriterien: Alter und Sprache

In der Verordnung, die Regierungsrätin Roth gemäss Schneider Mitte März dem Regierungsrat vorlegen will, geht es um folgende Punkte:

  • Ausnahmeregelungen sollen primär für Randregionen gelten.
  • Betroffen ist nur die ärztliche Grundversorgung (sprich Hausärzte).
  • Das Niveau der einheimischen Ärzte muss durch die ausländischen Ärzte gehalten werden. Es werden klare Anforderungen an die Ausbildung formuliert.
  • Die ausländischen Ärzte müssen über sehr gute Deutschkenntnisse verfügen (Niveaustufe C1, entspricht der zweithöchsten von sechs Stufen).
  • Es wird eine noch zu verhandelnde Alterslimite festgelegt. Dadurch werden langfristige Praxisübernahmen angestrebt, in denen nicht das kurzfristige Abkassieren im Vordergrund steht.
Einen Hausarzt pro 1000 Einwohner empfiehlt das OECD Health Project – im Zurzibiet sollen demnach 38 Hausärzte tätig sein.

Einen Hausarzt pro 1000 Einwohner empfiehlt das OECD Health Project – im Zurzibiet sollen demnach 38 Hausärzte tätig sein. 

Der Nachfolge-Kandidat von Peter Horowitz würde die Anforderungen erfüllen, ist man sich in Würenlingen sicher. «Mit grosser Freude und Zuversicht kann ich mitteilen, dass die Praxis nicht wie vorgesehen Ende März geschlossen wird», sagt Horowitz, «geplant ist, dass mein Nachfolger die Praxis im Spätherbst dieses Jahres übernimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt werde ich die Sprechstunde weiterführen.» Die Kündigungsfrist seines Nachfolgers am aktuellen Arbeitsort beträgt sechs Monate.

Dank an die Bevölkerung

Weiter sagt Horowitz: «Diese erfreuliche Entwicklung ist der grossartigen Unterstützung weiter Teile der Würenlinger Bevölkerung zu verdanken, aber auch Parlamentariern aller Parteien, vielen Freunden, der Vorsteherin des Departements für Gesundheit und Soziales und dem Aargauischen Ärzteverband, die sich alle für den Fortbestand der Hausarztmedizin engagieren.»

Der Fall Horowitz und die mit ihm eingeleitete Verordnung dürfte wegweisenden Charakter für weitere Hausarztpraxen haben. Noch benötigt Franziska Roth eine Mehrheit im Regierungsrat. Doch im Idealfall tritt die neue Verordnung Ende März in Kraft. Sonst droht eine weitere Verschärfung des Hausärztemangels. Denn viele stehen kurz vor der Pensionierung oder haben das Alter von 65 Jahren bereits überschritten. Im Bezirk Baden waren, Stand 2015, 32 Prozent der Hausärzte älter als 61 Jahre.

Gemäss Empfehlung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sollte in einem hausarztzentrierten Gesundheitswesen 1 Hausarzt auf 1000 Einwohner kommen.

Der Bezirk Zurzach inklusive Würenlingen zählt rund 38 200 Einwohner. Gemäss Empfehlung der OECD sollten in der Region also 38 Hausärzte tätig sein. Laut Recherchen dieser Zeitung wird dieser Wert deutlich unterschritten. 17 Hausarztpraxen gibt es in den 23 Gemeinden. In einigen wenigen Praxen sind mehrere Ärzte tätig. Im Bezirk gibt es 11 Gemeinden, die gar keinen Hausarzt haben.

René Hubers frühe Kritik

Einer der ersten Warner und Kritiker der strikten Umsetzung des Ärzte-Stopps war der Zurzibieter CVP-Grossrat René Huber. Bereits im Juni 2017 reichte der Leiter des Asana Spitals Leuggern mit Parteikollegin Edith Saner eine Interpellation ein «betreffend Engagement des Kantons zur Förderung der Hausarztmedizin, um dem Mangel an Hausärzten entgegenzuwirken».

Eine seiner Fragen: «Ist der Regierungsrat bereit, analog der Kantone Zug und Fribourg Ausnahmeregelungen einzuführen?» Die Antwort damals: «Die Zulassungsbeschränkung wird seit dem 15. März 2017 ohne Ausnahmen umgesetzt. Sie gilt bis zum 30. Juni 2019 und soll dann durch ein neues System abgelöst werden.

Ausnahmen müssten aufgrund allgemein anerkannter, objektivierbarer und messbarer Kriterien bewilligt werden. Derartige Kriterien existieren bisher nicht.» Einleitend stand in der Antwort des Regierungsrats: «In den nächsten Jahren wird sich der Mangel an ärztlichen Grundversorgern deutlich akzentuieren.»

Nun scheint alles viel schneller zu gehen. «Dass jetzt klare Kriterien für die Zulassung ausländischer Ärzte definiert werden, ist der richtige Weg», sagt Huber. Dennoch bleibt die Unterversorgung durch Hausärzte ein Problem.

Der klassische Beruf des Hausarztes sei im Vergleich zu den Spezialärzten zu wenig attraktiv. «Es müssen Anreize geschaffen werden», sagt Huber. Dass der Bund Anfang Jahr die Tarmed-Tarifstruktur zugunsten der Hausärzte leicht korrigiert habe, sei ein erster Schritt.

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