Einst hatte er den Eid des Hippokrates, der als erste grundlegende Formulierung einer ärztlichen Ethik gilt, abgelegt. Jahrzehnte später hat Doktor S. dem schwerstabhängigen Junkie H. schachtelweise Dormicum verkauft – ein Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine, also ein Betäubungsmittel. In der Apotheke kosten 30 Tabletten rund 20 Franken, H. musste Doktor S. dafür 90 Franken bezahlen.

Geboren und aufgewachsen in einem fernen Land, hatte S. in Bonn Medizin studiert, war Assistenz-, Klinik-, Oberarzt geworden und hatte mit 37 Jahren als Internist in einer deutschen Grossstadt eine eigene Praxis eröffnet. 33 Jahre hatte er sie geführt, weitere 3 Jahre hatte er in einer deutschen Kleinstadt praktiziert. 2008, mittlerweile 73-jährig, hatte S. im Zurzibiet eine Praxis übernommen. Er sei wegen der Kinder in die Schweiz gekommen, behauptet er. Weil ein Arzt in Deutschland mit 68 Jahren seine Krankenkassenzulassung verliere, sagt seine Frau.

4500 Dormicum-Tabletten

Er arbeite noch immer 100 Prozent, behandle täglich acht bis zehn Patienten, vorwiegend mit Infusions-Therapien, sagt der Angeklagte. Er liebe seinen Beruf, wolle sicher noch zwei Jahre weiterpraktizieren. In Anzug und Krawatte, körperlich etwas gebrechlich, sass er mit verbissenem, ja bösem Gesichtsausdruck vor Gericht. «Ich habe H. weder Dormicum verschrieben, noch verschenkt, noch verkauft», warf er laut in die Runde, «solche Behauptungen sind einfach lächerlich.»

Ganz anders äussert sich der mitangeklagte H., der ein Vierteljahrhundert lang Drogen konsumierte. 41-jährig ist H., körperlich ein Wrack, lebt in einem Wohnheim. Er sei inzwischen trocken, versichert seine Betreuerin, die ihn ans Gericht begleitet hat. H. beantwortet die Fragen von Gerichtspräsident Cyrill Kramer klar. Zwischen 2011 und 2014 habe Doktor S., dessen Patient er war, ihm in unregelmässigen Abständen insgesamt 4500 Dormicum-Tabletten verkauft und auch zwei oder drei Packungen Rohypnol. Lange hatte H. den Arzt nicht beschuldigt – «aus Furcht, dass meine Quelle versiegt».

Erst als H. einen anderen Mediziner konsultierte, hat er auf dessen Drängen S. angezeigt. Da H. einige der Dormicum-Tabletten an ihm bekannte Junkies weiterverkauft hatte, war auch H. angeklagt. Der 41-Jährige wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 900 Franken und 300 Franken Busse verurteilt.

Nicht aus finanziellen Gründen

Im Zentrum der siebenstündigen Verhandlung sass indes der 81-jährige Arzt. Die Anklage warf ihm vor, mit dem Handel mit Dormicum einen Gewinn von 11 000 Franken erwirtschaftet zu haben. 2012 hatte S. einen Gewinn aus seiner Praxis von 243 Franken ausgewiesen. «Sie handelten also aus finanziellen Gründen», hielt Gerichtspräsident Cyrill Kramer fest. «Nein, nein, uns geht es finanziell sehr gut. Meine Frau kommt aus gutem Haus», konterte S.

Neben der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz war Doktor S. auch beschuldigt, ab 2008 in seiner Praxis einzelnen Patienten Medikamente – unter anderem gegen Cholesterin, Bluthochdruck, Rheuma – abgegeben zu haben, obwohl er über keine Selbstdispensationsbewilligung verfügte. Das Gesundheitsdepartement hatte ihn deswegen im Herbst 2014 mit 3000 Franken gebüsst. Die Medikamente hatte der Arzt beim Apothekengrosshandel bestellt und offenbar problemlos geliefert bekommen.

Mit einem berühmten Anwalt

Doktor S. erschien mit einem sehr bekannten Anwalt aus Zürich: Der 66-jährige Marcel Bossonet war unter anderem einer der drei Anwälte des Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos. Jüngst hat er in Zürich den ebenfalls unter dem Pseudonym Carlos bekannten gewalttätigen jungen Mann verteidigt und gegenwärtig zählt Bossonet auch den US-Whistleblower Edward Snowden zu seinen Klienten.

Vor Bezirksgericht Zurzach stellte Bossonet in einem über zweistündigen Plädoyer seinen Mandanten als Wohltäter dar, der seit über 40 Jahren Brillen, Hörgeräte und Medikamente in sein fernes Heimatland schicke und damit den Ärmsten der Armen helfe. Doktor S. selbst hatte ausgesagt, auch die Schachteln mit rund 2500 Dormicum-Tabletten, die bei der Hausdurchsuchung in unverschlossenen Behältnissen in seiner Praxis gefunden worden waren, seien für sein Heimatland bestimmt gewesen. Bezüglich Anklage sprach Bossonet von einem «unfairen Verfahren».

Zudem seien die Aussagen von H. sowie von weiteren Drogenkonsumenten, denen H. Dormicum weiterverkauft hatte, wegen Verfahrensfehlern nicht verwertbar. Er forderte einen Freispruch für seinen Mandanten.

Gewinn geht an den Staat

Das Gericht aber folgte den Anträgen der Staatsanwältin: Der 81-jährige Arzt wurde in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von 3000 Franken – beides bedingt mit einer Probezeit von vier Jahren – sowie 8000 Franken Busse verurteilt. Überdies ist S. verpflichtet, 11'000 Franken (also den Gewinn aus dem Drogenverkauf) an die Gerichtskasse zu überweisen und er muss die Verfahrenskosten von gut 13'000 Franken selber tragen.

Von einem Berufsverbot von fünf Jahren, wie es die Staatsanwältin forderte, hat das Gericht indes abgesehen, da – laut Gerichtspräsident Kramer – «die allfällige Prüfung respektive Anordnung eines solchen Verbotes primär dem kantonalen Departement Gesundheit obliegt».