Klingnau

86-Jähriger gibt freiwillig sein Auto-Billett ab – und fordert Fahrcheck für Senioren alle zwei Jahre

Louis Keller gibt seinen Renault und das Kennzeichen AG 4123 ein für alle Mal ab.

Louis Keller gibt seinen Renault und das Kennzeichen AG 4123 ein für alle Mal ab.

Senioren sollen alle zwei Jahre zum Fahrlehrer, fordert der Klingnauer Louis Keller – er hat es vorgemacht. Abgegeben hat er nebst seinem Führerausweis auch sein Autokennzeichen AG 4123.

«Spinnst Du?» Solche Reaktionen erhielt Louis Keller, 86, aus dem Kreis seiner Freunde und Bekannten auf seine Ankündigung. Keller hat sie nichtsdestotrotz wahr gemacht: Am Montag hat er seinen Führerausweis abgegeben. Freiwillig. «Ich hatte mir das schon vor zwei Jahren beim letzten Medizincheck vorgenommen», erzählt der Senior. Nun hätte er den nächsten absolvieren müssen, um weitere zwei Jahre mit dem Auto fahren zu dürfen.

Mit dem Autofahren an sich habe er heute kein Problem. Er fühlt sich nicht überfordert. «Aber ich bin in einem Alter, in dem mich der Verkehr belastet.» Er müsse sich beim Autofahren stark konzentrieren. «Das macht mich müde», führt der Senior aus, der den Grossteil seines Lebens in Endingen lebte und seit neun Jahren in Klingnau wohnhaft ist.

Senior Louis Keller gibt seinen Führerausweis freiwillig ab

Drei Fragen, drei Antworten – Louis Keller erklärt, wieso Senioren am Steuer alle 2 Jahre zum Fahrlehrer sollen.

1952 bestand er die Fahrprüfung. 68 Jahre lang blieb er fast unfallfrei. Nur einmal, vor 40 Jahren, habe er im stockenden Verkehr eine Auffahrkollision mit Blechschaden verursacht.

Und doch spricht Keller von einem «komischen Gefühl». Er müsse sich mit der neuen Situation arrangieren. Freunde hätten ihre Fahrdienste angeboten. «Ich möchte aber selber mit dem öffentlichen Verkehr fahren.» Falls nötig, werde er ein Taxi nehmen. «Wenn ich und meine Frau uns mit Freunden auf ein Glas Wein treffen, fahren wir jetzt schon mit dem Taxi.»

«Fahrlehrer kann beurteilen, ob man fahrtüchtig ist»

Senioren müssen heute ab Alter 75 alle zwei Jahre zum Medizinalcheck. Keller hat dazu eine dezidierte Meinung. «Sie sollten per Gesetz auch alle zwei Jahre mit ihrem Fahrlehrer einen ein- bis zweistündigen Fahrcheck absolvieren», sagt er. «Der Fahrlehrer kann beurteilen, ob man fahrtüchtig ist oder nicht.»

Keller hat sich diese Prüfung selbst auferlegt, ab seinem zweiten Medizinalcheck als 72-Jähriger. Bis 2018 mussten Senioren diesen noch ab 70 absolvieren. Gemäss Strassenverkehrsamt geben alljährlich rund 7,5 Prozent der Seniorinnen und Senioren ab 75 ihren Ausweis ab.

Das Autokennzeichen AG 4123 hat Louis Keller fast ein halbes Jahrhundert lang begleitet. 1971 übernahm er es vom Vater. Am Montag schraubte es der Klingnauer Garagist Walter Vögeli von Kellers Renault Espace ab. Vögeli kennt zwar mehrere Seniorinnen und Senioren, die ihr Billett auch schon abgegeben haben. «Aber niemand war noch so fit wie Louis Keller», sagt er.

«Ich finde es super, dass er sich dazu durchgerungen hat.» Das Kennzeichen AG 4123 bleibt in der Familie Keller: Vater Louis tritt es Sohn Patrick ab. Dessen Grossvater hatte es im Jahr 1935 erhalten. Der damalige Endinger Gemeindeschreiber war erst der fünfte im Ort, der sich ein Auto kaufte.

Die Übergabe von Autokennzeichen an nahe Verwandte ist bis AG 10'000 möglich: Eltern, Kinder, Geschwister, Neffen und Nichten oder Schwager und Schwägerin können beglückt werden. Ansonsten geht die Nummer an den Kanton, der sie versteigert.

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