Es war ein Mittwochnachmittag im September 2016. Die 13-jährige Lea (alle Namen geändert) besuchte ihre wöchentliche Reitstunde. Marion, die 48-jährige Reitlehrerin, wollte den Teenager, der seit Anfang jenes Jahres von ihr unterrichtet wurde, in dieser Lektion sanft an die Kunst des Galoppierens heranführen. Wie alle von Marions Schülerinnen – ausser den kleinen, die sie in den Sattel heben kann – stieg Lea von einer Mauer aus auf die 10-jährige Warmblut-Stute «Lovely».

Lea sass bereits im Sattel, als hinter dem Pferd ein leerer Plastikkanister zu Boden fiel. «Lovely» erschrak, warf Lea ab, wollte fliehen, konnte nicht, weil die Platzsituation zu eng war. Die 600 Kilo schwere Stute fiel auf das auf dem Asphalt liegende Mädchen. Lea erlitt mehrere Brüche im Gesicht, einen Bruch des Schlüsselbeins sowie von zwei Rippen.

Fahrlässige Körperverletzung

Der Staatsanwalt, auf dessen Pult der Rapport der Polizei landete, entschied sich wegen mangelnder strafrechtlicher Relevanz für eine Nichtanhandnahmeverfügung. Nachdem Leas Versicherung ihre Haftpflicht abgelehnt und an Marions Versicherung verwiesen hatte, verlangte der Anwalt von Leas Familie weitere Untersuchungen betreffend Unfallursache.

Schliesslich kam es zu einer Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen Marion, wofür sie zu einer bedingten Geldstrafe von 9000 Franken sowie 500 Franken Busse verurteilt werden sollte.

Kosten noch nicht bezifferbar

An der Verhandlung vor Bezirksgericht Zurzach war gestern zu erfahren, dass Marion seit 15 Jahren unfallfrei als Reitlehrerin arbeitet und vor neun Jahren eine Prüfung als solche abgelegt hat. «Es war eine Verkettung unglücklicher Zufälle», sagte die 48-Jährige auf die Frage von Einzelrichter Cyrill Kramer, wie es zu dem Unglück habe kommen können.

Warum sie den Kanister nicht von der Mauer genommen habe? «Weil ich ihn in keiner Weise als eine Gefahr betrachtet habe. Ich weiss auch nicht, warum er überhaupt runtergefallen war.» Seit eh und je habe sie sie alle ihre Schüler von dem Mäuerchen in den Sattel steigen lassen. «Ich tue das nach wie vor und es hat weder davor noch danach je einen Unfall gegeben.»

Der Anwalt von Leas Familie war der Ansicht, dass sorgfaltswidriges Verhalten der Reitlehrerin ursächlich für das Geschehen war und dass Marion «die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten» habe. Warum der Kanister umfiel, sei nicht von Bedeutung, sehr wohl hingegen, dass sowohl der Asphalt am Aufstiegsplatz, als auch die dortige Enge alles andere als ideal seien.

«Trotzdem hält die Beschuldigte stur daran fest.» Lea gehe es den Umständen entsprechend gut. «Aber sie ist nach wie vor in zahnchirurgischer Behandlung und hat noch immer mehrere Implantate im Kiefer, weshalb unsere Zivilforderungen auch noch nicht bezifferbar sind.»

Marion hatte sich, eigenen Aussagen zufolge, nach der Tragödie zwei, drei Mal telefonisch nach Leas Befinden erkundigt, dann nicht mehr. «Ich habe mich halt geniert.» In ihrem letzten Wort betonte sie, wie sehr das Geschehene ihr leidtue. «Ich habe selber Kinder.» Ihr Verteidiger plädierte auf Freispruch.

«Diese Verkettung unglücklicher Umstände war nicht voraussehbar. Warum hätte meine Mandantin denken müssen, dass der Kanister herunterfallen könnte. Sie hat alles richtig gemacht. Es ist nicht adäquat, dass auf einem Bauernhof im Freien alle Gegenstände weggeräumt werden.»

Ein bewährter Aufstiegsort

Richter Kramer sprach Marion von Schuld und Strafe frei. «Die Beschuldigte hat die Grenzen des erlaubten Risikos in strafrechtlicher Hinsicht nicht überschritten.» Zwar sei unbestritten, dass das Pferd durch den Kanister erschreckt wurde, doch niemand wisse, warum dieser herunterfiel.

Mit dem Vorwurf, Marion habe Lea pflichtwidrig von der Mauer aufs Pferd steigen lassen, gehe er nicht einig. «Das ist seit Jahren ein bewährter Aufstiegsort», so Cyrill Kramer. Die Zivilforderung hat er auf den Zivilweg verwiesen. Nach diesem Freispruch wird wohl noch ausgiebig mit den beiden involvierten Haftpflichtversicherung verhandelt werden müssen.