Erika Bühlmann-Rotta kann eine ihrer ersten Kindheitserinnerungen fast auf die Minute genau datieren. Erster Weihnachtstag 1944. Erika ist bei ihrer Grossmutter zu Besuch im «Stroppel» in Untersiggenthal, ein paar Kilometer südlich der Grenze zu Deutschland.

In unmittelbarer Nähe des Hauses: bewachte Panzersperren mit Stacheldraht, Bunker, Militär. Alltag für die 5-Jährige aus der Region Baden.

«Wir durften natürlich nicht zu den Bunkern – heimlich haben wir uns aber doch hingeschlichen. Manchmal gab es Guetzli von den Soldaten.»

Der Zweite Weltkrieg nähert sich seinem Ende. Es ist kurz nach dem Mittag, halb eins. Die Familie steht vor dem Haus der Grossmutter, wartet auf das Zmittag – Polenta aus dem Kupferkessel und Chüngel.

Der Tag ist schön: kaum Wolken, blauer Himmel. Da hört Erika ein «Brummeln», ein «Dröhnen und Rumpeln». Und sie sieht ein Flugzeug im Tiefflug, rauchend.

«Feind hört mit»

Es ist die «Maiden America», eine B-24. Der amerikanische Bomber ist stark beschädigt und fliegt nur noch etwa einen Kilometer hoch.

Erika sieht, wie Menschen mit Fallschirmen aus dem rauchenden Flugzeug springen, weisse Punkte am Himmel. Sie blickt dem Bomber nach – bis er über Würenlingen verschwindet.

Die Erwachsenen fackeln nicht lange. Sie schnappen sich Velos, passieren die Panzersperren, fahren «schnell, schnell Richtung Würenlingen», erinnert sich Erika Bühlmann.

«Sie dachten wohl, sie könnten noch helfen.» Die Kinder müssen ins Haus. Später wird Weihnachten gefeiert, als wäre nichts gewesen.

Was genau passiert ist, weiss Bühlmann auch heute, 70 Jahre später, nicht. «Man hat einfach nicht darüber gesprochen. ‹Feind hört mit›, hiess es immer.»

«Lt. Martin Homisteck, Navigator New Salem Pennsylvania, verhinderte unter Hingabe seines Lebens den Absturz des Flugzeuges auf unser Dorf», heisst es auf einem Gedenkstein auf dem Ruckfeld bei Würenlingen.

Was nicht steht: Die Schweizer Armee hat am 25. Dezember 1944 drei amerikanische Soldaten in den Tod geschickt, indem sie die havarierte und nach einem Notlandeplatz Ausschau haltende «Maiden America» abschoss.

US-Pilot fand Flugplatz nicht

Der Historiker Peter Kamber hat die Geschehnisse in seinem Buch «Schüsse auf die Befreier» aufgearbeitet. Demnach will die Besatzung der «Maiden America» an jenem Weihnachtstag in Basel notlanden, nachdem sie über Innsbruck vom Feind getroffen worden war.

Doch Basel liegt im Nebel. Die Crew unter Pilot Vincent F. Fagan dreht ab, sucht nach dem Flugplatz Dübendorf. Die Navigationsgeräte funktionieren nicht. «Ich wusste, dass es bei Zürich einen Flughafen gab. Wir suchten ihn. Die Schweiz ist ein kleines Land und Zürich eine grosse Stadt, aber wir fanden ihn nicht», so Fagan später in seinem Buch «Liberator Pilot».

Die Maschine verliert stetig an Höhe, obwohl die neun Mann an Bord alles Entbehrliche abwerfen, um das Gewicht zu reduzieren. Plötzlich feuert die Fliegerabwehr (Flab) aus Baldingen.

Eins, zwei – insgesamt fünf Einschläge zählt Fagan. Er will eine Signalrakete abfeuern, um anzuzeigen, dass er landen will.

Doch er entscheidet sich dagegen, weil Treibstoff ausgelaufen ist und eine Explosion droht. Das Fahrwerk lässt sich nicht ausfahren, der Bombenschacht steht durch die Beschädigungen offen. Später wird der Flab-Kommandant sagen: «Wir warteten auf ein Signal, dass der Bomber friedliche Absichten habe und landen wolle.»

Pilot Fagan realisiert, dass die Maschine keinen weiteren Treffer aushält. Per Bordfunk gibt er den Befehl zum Ausstieg. Noch während die Crew per Fallschirm abspringt, schiesst die Flab weiter. Fagan bleibt einen Moment zurück, steigert die Motorleistung des Bombers, damit er auf Kurs zu bleibt. Hätte er es nicht getan – die Maschine wäre mitten ins Dorf gerast.

Der Würenlinger Fritz Meier beschrieb den Tag in seiner Gemeindechronik 1980: «Das Aufheulen der Motoren reisst die Weihnachtsesser vom Tisch. Die Flab wettert in die Winterluft, die Sprengpunkte sind rings um das Flugzeug deutlich zu erkennen.»

Den finalen Treffer landet die Flab, als der Bomber direkt über das Dorf fliegt. «Im Tiefflug rast der Liberator über die Häuser, eine Rauchschnur hinter sich her ziehend. Es regnet Splitter. Das Feuer verwandelt den Bomber in eine Fackel. Es folgt ein dumpfer Knall. Das Ruckfeld wird zum Totenacker.» Der Bomber sei in tausend Stücke explodiert, die Motoren hätten sich tief in die Erde gegraben, schreibt Meier. «Neben den brennenden Trümmerhaufen ein toter Amerikaner unter seinem weissen Fallschirm.»

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schoss die Schweizer Fliegerabwehr neun Flugzeuge der Alliierten ab, die Fliegertruppen weitere sechs. Darunter waren viele, die zum Notlanden in den Schweizer Luftraum gekommen waren. Dabei kamen insgesamt fast zwei Dutzend alliierte Soldaten um. Drei davon starben an jenem Weihnachtstag vor 70 Jahren in Würenlingen.

Der Navigator Leutnant Martin A. Homistek versuchte abzuspringen, sein Fallschirm verhedderte sich am Flugzeug. Die «Maiden America» riss den 18-Jährigen in den Tod.

Warum er auf dem in den 60er-Jahren erstellten Gedenkstein speziell erwähnt wird, ist unklar. Der linke Seitenschütze, Sergeant Ralph L. Coulson, versuchte gar nicht erst, auszusteigen – er sei «in Panik und eisengrau vor Angst» im Flugzeug sitzen geblieben.

Fast geschafft hätte es Co-Pilot Leutnant Nicholas Mac Koul. Er konnte abspringen, landete aber in der eiskalten Aare und ertrank. Man fischte seine Leiche aus dem Rechen des Kraftwerks Beznau. Die restlichen sieben Besatzungsmitglieder überlebten und wurden interniert.

US-Angriff auf Thayngen

Die Alliierten reagierten konsterniert auf die Abschüsse ihrer Flugzeuge und bezeichneten sie als «unfreundlichen Akt» – schliesslich wollten sie Europa von Hitler und den Nazis befreien und konnten nicht verstehen, weshalb sie von den Eidgenossen dennoch vom Himmel geholt wurden.

Der Bundesrat begründete die Abschüsse mit der unbedingten Neutralität, welche dazu verpflichte, sämtliche feindlichen Flugzeuge über der Schweiz zu bekämpfen.

Allerdings: Als im Sommer 1940 die Deutschen in unseren Luftraum eindrangen, hatten Bundesrat und Armeeführung eilig verfügt, die Schweizer Armeeflugzeuge seien am Boden zu belassen. Man duldete die Luftraumverletzung, weil man Nazi-Deutschland nicht gegen sich aufbringen wollte.

Dennoch ist der Abschuss der «Maiden America» nicht unverständlich – man war nervös. Die Bombardierung Schaffhausens lag noch kein Jahr zurück.

Stunden nach dem Zwischenfall in Würenlingen griffen amerikanische Flugzeuge Thayngen an – weil man geglaubt habe, es sei Singen (D). Gleichentags verlor – so heisst es – eine US-Maschine eine Bombe, die nördlich von Effingen einschlug.

Versöhnung nach 45 Jahren

Pilot Fagan schrieb: «Während die Schweizer offiziell neutral waren, dachte ich wie die meisten Amerikaner immer, dass sie insgeheim auf unserer Seite wären. Ich fand heraus, dass sie offen auf ihrer eigenen Seite standen – und diese Position von einem militärischen Gesichtspunkt aus gesehen auch mit einer gewissen Fähigkeit zu verteidigen verstanden.»

Fagans Eindruck trügt, zumindest teilweise. Die Schweizer hegten durchaus freundschaftliche Gefühle für die Alliierten. So berichten Zeitzeugen, dass einige Truppen passiven Widerstand gegen die Abschussbefehle leisteten und gezielt daneben schossen.

Als im Juli 1943 beim Absturz zweier britischer Maschinen 14 Alliierte den Tod fanden, kam es zu Sympathiebekundungen in der Schweizer Bevölkerung. Und 45 Jahre nach dem Abschuss der «Maiden America» reichten sich Fagan und der Flab-Kommandant am Absturzort die Hand.

Nicht ganz vergessen

Würenlingen wird morgen ein Blumengebinde bei der Absturz-Gedenkstätte niederlegen. Das Dorf ist der Besatzung der «Maiden America» dankbar – hätte der Pilot nicht aufs Gas gedrückt, bevor er absprang, wäre es zur Katastrophe gekommen. Dennoch ist der Abschuss der «Maiden America» heute kaum jemandem ein Begriff.

Diese Erfahrung hat auch Augenzeugin Erika Bühlmann gemacht. Die Geschichte beschäftigt sie immer noch. In Zug, wo die 75-Jährige heute lebt, stürzte ein Alliierten-Bomber in den See. «Davon weiss jeder», sagt sie. «Aber wenn ich jemandem vom Abschuss in Würenlingen erzähle, sehe ich nur fragende Gesichter.»