Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, als das Knattern eines ersten Traktorenmotors durch Leibstadt hallt. Daniel Meier, Betriebsleiter der Knecht Mühle, wirkt müde. Erschöpft. Seit Tagen ist Schlaf ein rares Luxusgut. Denn während andere in den Sommerferien am Strand entspannen, herrscht in der Mühle Dauerstress. Es ist Erntezeit.

Landwirt Marcel Schmid hat seine Fuhrwerke an der Annahmestelle parkiert. 40 Tonnen der Weizensorte Arina bringt er in drei Anhängern vorbei. Er öffnet die Luke des ersten Containers und das goldfarbene Korn rieselt durch ein Gitter am Boden – die sogenannte Gosse.

Hier werden über 100 Tonnen Getreide abgeladen

Hier werden 40 Tonnen Weizen abgeladen

Auch für den Bauer bedeutet Erntezeit Dauerstress: «Vor etwa zehn Tagen habe ich das erste Korn geerntet dieses Jahr», sagt der 26-jährige Schmid aus Gipf-Oberfrick. Gemeinsam mit seinem Vater führt er eine Generationengemeinschaft. „Wichtig ist, dass es nicht mehr regnet, wenn das Getreide reif ist.“ Mit der diesjährigen Ernte ist er zufrieden. Während die Früchtebauern einen Grossteil ihres Ertrags durch den späten Frost verloren, hatten die Getreidebauern mehr Glück: Die meisten blieben verschont.

Rund eine Stunde dauert die Getreide-Annahme. «40 Tonnen ist die grösste Menge, die wir hier oben annehmen», sagt Meier. Ein nächster Landwirt aus Mandach bringt sein Getreide vorbei. Die Qualitätsprüfung spuckt einen Feuchtigkeitswert von 12,6 Prozent aus. Ist er damit zufrieden? Der Mandacher bejaht, „aber der Müller ist wohl zufriedener“, fügt er mit einem Grinsen an und blickt zu Meier. Liegt der Feuchtigkeitswert unter den gewünschten 14,5 Prozent, büsst das Getreide an Gewicht ein – der Bauer verdient weniger. Liegt er darüber, muss das Getreide nachgetrocknet werden, wofür der Bauer zahlt.

Noch nie so viel Getreide in einer Woche

Landwirte mit kleineren Einliefermengen werden in der Regel an der Annahmestelle im Oberdorf empfangen, diejenigen mit grossen an der Getreidesammelstelle beim alten Bahnhof. Hier ist Hansjörg Knecht Platzchef. Auch der Geschäftsleiter der Knecht Mühle und SVP-Nationalrat hat in den vergangenen Tagen wenig geschlafen.

Bereits Ende Juni haben erste Bauern ihr geerntetes Korn vorbeigebracht – eine Woche früher als üblich. Doch die letzten Tage waren besonders intensiv: An Spitzentagen hat Knecht rund um die Uhr Getreide angenommen. «Wir haben zwei Drittel unserer Gesamtmenge von rund 18'000 Tonnen innerhalb dieser Woche erreicht – das hat es noch nie gegeben», sagt Knecht. Grund dafür ist das Wetter: Lange Trockenperioden und viel Sonnenschein. «So gedeiht das Korn am besten.»

Von der Annahme bis in den Silo: Daniel Meier erklärt an der alten Schaltzentrale den Weg des Korns

Von der Annahme bis in den Silo: Daniel Meier erklärt an der alten Schaltzentrale den Weg des Korns

Daniel Meier ist seit 2014 Betriebsleiter der Knecht Mühle

Landwirt Markus Schmid aus Ueken wischt nach dem Abladen seinen Anhänger heraus. «Ich muss das Korn rausputzen, sonst wächst es wieder», witzelt er gutgelaunt. 17 Tonnen Raps hat er heute vorbeigebracht. Dieselbe Menge an Gersten und Weizen aus seinem Anbau schlummert bereits in zwei der 170 Silozellen. Er hat guten Grund für seine Laune: «Im Sommer ernten wir die Früchte unserer elfmonatigen Arbeit.»

Über 90 Prozent der Bauern aus dem Kanton

Während ein weiterer Bauer seinen Raps ablädt, bildet sich hinter dem stehenden Fuhrwerk eine Kolonne. Die nächsten stehen für die Annahme bereits Schlange. Doch statt in ihren Traktorkabinen abzuwarten, steigen sie aus und helfen mit. «Solidarität ist während der Ernte Alltag. Wir pflegen ein familiäres Verhältnis miteinander», sagt Betriebsleiter Meier. Treue Kunden, die sich auch untereinander kennen. Rund 300 Bauern beliefern die Knecht Mühle mit Getreide. Davon stammen laut Knecht über 90 Prozent aus dem Aargau.

Landwirt Stefan Schwere aus Hettenschwil hat neben elf Tonnen Raps auch seine Söhne Ben (6) und Dominik (4) mit im Gepäck. Seit 15 Jahren ist er treuer Produzent für die Knecht Mühle, zuvor schon sein Vater. «Die Knecht Mühle ist ein Mischpartner von uns – ausserdem zahlen sie zuverlässig und rasch im Vergleich zu vielen anderen Betrieben in der Branche.»

Die Mühle in Leibstadt existiert seit dem 14. Jahrhundert. Seit 1887 ist sie in Familienhand. Mittlerweile wird das Unternehmen in 4. und 5. Generation geführt. Von 2006 bis 2008 wurde die Mühle komplett erneuert und zählt zu den modernsten der Welt.

Im Oberdorf bahnt sich das erste Problem in einer bisher fast reibungslos verlaufenen Ernte an: Ein Mahlwerk ist ausgefallen – die Mühle steht still. Die geplante Besichtigung mit Daniel Meier entfällt. Im dritten Stock versucht er mithilfe eines Mechanikers, den defekten Motor zu reparieren.

Eine Etage weiter unten ist nichts von dieser Hektik zu spüren. Der Duft von frischgebackenem Brot liegt in der Luft. Daniel Moeschlin, zuständig für die Entwicklung und Qualitätssicherung des Mehls, hat gerade 60 Laibe aus dem Ofen geholt. In der Versuchs-Bäckerei tüftelt er an neuen Mehlmischungen, die an Bäcker verkauft werden.

Moeschlin wird in den kommenden Tagen gefordert: Er nimmt die allumfassende Qualitätskontrolle vor – die Ernte neigt sich dem Ende zu: Knecht erwartet noch rund 1000 Tonnen Getreide. Die Schnelltests bei jeder Annahme lassen jedoch bereits im Vorfeld auf eine gute Ernte schliessen. Knecht freuts: «Das Schönste an der Ernte ist für mich, wenn die Qualität stimmt und der Bauer zufrieden ist.»