Bezirksgericht Zurzach

193 km/h! So schnell wurde noch kein Raser im Zurzibiet geblitzt – seinen geliebten Mercedes ist er los

Noch nie wurde im Zurzibiet ein Autofahrer mit höherem Tempo erwischt.

Noch nie wurde im Zurzibiet ein Autofahrer mit höherem Tempo erwischt.

Nach einer schnellen Fahrt in Leibstadt hat ein Deutscher aus der Region nicht zum ersten Mal seinen Führerausweis abgeben müssen – nun ist er auch vom Bezirksgericht verurteilt worden.

Es war ein sonniger Sonntag im vergangenen Juli, als Polizei­beamte nicht schlecht gestaunt haben dürften: Als sie im Ausserortsbereich von Leibstadt mit ihrem Lasermessgerät eine Geschwindigkeitskontrolle durchführten, ging um die Mittagszeit ein Mercedes AMG mit 193 km/h in die Falle. Am Steuer sass der 47-jährige Markus (Name geändert), der ein knappes halbes Jahr später am Mittwoch in Bad Zurzach vor Gericht sass.

Dort ging es für den seit 16 Jahren in der Schweiz lebenden Deutschen um viel: Nebst einer bedingten Freiheitsstrafe von 22 Monaten und einer Busse forderte der Staatsanwalt eine Landesverweisung sowie den Einzug des «Tatfahrzeugs». Dieser letzte Punkt traf Markus – wie sich im Verlauf der Verhandlung zeigte – besonders hart.

Mercedes mit 600 PS

Die Tempoüberschreitung von netto 108 km/h hatte er unumwunden zugegeben, doch die Aussicht, den weitaus am meisten leuchtenden Stern unter seinen insgesamt drei Autos mit dem Stern-Emblem zu verlieren, versuchte seine Anwältin vehement abzuwenden. Der betreffende Mercedes hat 600 PS unter der Haube, bringt es auf maximal 300 km/h, und das offensichtlich nicht nur in Windes-, sondern in Hurrikanseile von null auf hundert. Die Frage von Gerichtspräsident Cyrill Kramer, ob er die 300 km/h mal ausgetestet habe, verneinte Markus vehement.

«Ich habe eine spezielle Beziehung zur Marke Mercedes, fahre diese Autos seit vielen Jahren», erklärte der Beschuldigte in einem Tonfall, der hinter der Maske ein verklärtes Lächeln erahnen liess. Markus ist ein strammer Mann, dessen Arbeitgeber ihm in einem Zwischenzeugnis zuhanden des Gerichtes Fleiss und Zuverlässigkeit attestiert. Seit langem ist er im Baugewerbe tätig, war mit einer eigenen Firma allerdings gescheitert. Da sein Fahrausweis – wen wundert’s – für längere Zeit beim Strassenverkehrsamt verwahrt ist, wird Markus täglich von seiner Lebensgefährtin aus dem Zurzibiet zur Arbeit ins Freiamt chauffiert.

Freundin sass auf dem Beifahrersitz

Aus einer geschiedenen Ehe hat der 47-Jährige in Deutschland zwei erwachsene Söhne. Die Alimente für eine in der Schweiz lebende kleinere Tochter aus einer kurzen Beziehung bezahlt er regelmässig. Seine zweite Frau, die nach nur zweijähriger Ehe an einer Krankheit verstorben war, hat ihm im Zurzibiet ein Haus hinterlassen. Ausser der Hypothek hat Markus keine Schulden.

Aber Vorstrafen hat er, und nicht zu knapp, darunter auch einschlägige. Ohne Fahrausweis hatte er ebenfalls bereits schon mehrere Monate auskommen müssen. Die Frage von Präsident Kramer, ob er häufig an jenen Sonntagmittag im Juli denke, beantwortete Markus mit einem klaren «Ja». Was er für Ziele in seinem Leben habe? «Arbeiten und vielleicht wieder mal eine eigene Firma haben.»

Der Staatsanwalt erwähnte in seinem Plädoyer, dass sich der Beschuldigte, der «ohne Zeitdruck und mit der Freundin als Beifahrerin unterwegs war», skrupellos verhalten habe. Für ein Raser-Delikt von diesem Ausmass sieht das Gesetz Freiheitsstrafen von einem bis vier Jahren vor. Da strafrechtliche und administrative Massnahmen beim Beschuldigten – «wie die Vergangenheit zeigte, nicht ausreichen», könne nur die Einziehung des Tatfahrzeugs ihn von weiteren Taten abhalten, so der Ankläger.

Höchste je im Bezirk gemessene Geschwindigkeit

Die Verteidigerin ihrerseits betonte, ihr Mandant sei geständig, einsichtig und kooperativ gewesen. Er bezahle seine Rechnungen pünktlich, sein Leumund als Bürger sei tadellos, und die Vorstrafen lägen teilweise zu lange zurück, um noch verwertbar zu sein. 18 Monate Freiheitsstrafe, bedingt auf zwei Jahre, seien angemessen. Von einer Landesverweisung sei ebenso abzusehen wie von der Einziehung des Mercedes AMG. «Ich bedauere den Vorfall tief», so das Schlusswort von Markus.

Das Gericht folgte weitgehend den Anträgen des Staatsanwaltes: 22 Monate Freiheitsstrafe, bedingt mit dreijähriger Probezeit und 2000 Franken Busse, so das Verdikt. «Es war die höchste, je in diesem Bezirk gemessene Geschwindigkeit; die Tatschwere ist massiv», so der Präsident in der Urteilsbegründung. Von einer Landesverweisung sah das Gericht ab, da Markus stets arbeitete und sich als Einwohner wohlverhalte.

Der Mercedes aber wird eingezogen und der Verwertungserlös auf die Busse und die rund 4000 Franken Verfahrenskosten angerechnet. «Mit einem solchen Fahrzeug in Ihren Händen kann eine Gefährdung der Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen werden», gab Kramer dem Verurteilten mit auf den Weg. Draussen im Schneegestöber wartete die Freundin rauchend bei ihrem Auto auf Markus. Es war kein Mercedes.

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