Zeitgeschichte im Bild
Herbstzeit ist Manöverzeit: von «Barbarossa» zu «Feuervogel»

Vor 22 Jahren fanden die letzten gross angelegten Truppenübungen statt, die Manöver. Sie waren jahrzehntelang ein Happening für Armee und Zivilbevölkerung.

Titus Meier, Zeitgeschichte Aargau
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Ein Bub mit Holzgewehr schaut während der Übung «Barbarossa» 1968 in Wildegg auf die Pontonierbrücke, über die wenige Minuten später Panzer fuhren. Quelle: Ringier Bildarchiv

Ein Bub mit Holzgewehr schaut während der Übung «Barbarossa» 1968 in Wildegg auf die Pontonierbrücke, über die wenige Minuten später Panzer fuhren. Quelle: Ringier Bildarchiv

Ringier Bildarchiv/Zvg / Aargauer Zeitung

Im Jahr 1989 bestand die Schweizer Armee aus insgesamt vier Armeekorps mit 12 Kampfdivisionen, 18 ortsfesten Kampfbrigaden und 6 territorialen Grossverbänden. Grosse Flieger- und Fliegerabwehrverbände ergänzten das Heer. Über 800'000 Männer waren am Ende des Kalten Kriegs in der Schweizer Armee eingeteilt. Mit regelmässigen, gross angelegten Truppenübungen wurde die Einsatzbereitschaft überprüft. Sie prägten nicht nur die Erinnerungen der daran beteiligten Wehrmänner, sondern auch der Zivilbevölkerung, denn diese «Manöver» fanden nicht auf entlegenen Schiessplätzen statt, sondern dort, wo im Ernstfall tatsächlich gekämpft worden wäre: im Mittelland.

Rote und blaue Verbände simulierten den Erdkampf

Die Anfänge dieser Manöver reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Damals übten die neu gebildeten Divisionen alle acht Jahre das Bewegungsgefecht. Rote und blaue Verbände traten bis nach dem Zweiten Weltkrieg gegeneinander an. Je länger je mehr zeigte sich, dass mit den herkömmlichen Manövern die moderne Kriegsführung nur noch bedingt abgebildet werden konnte: weder liessen sich der Einsatz von Atomwaffen, die Wucht eines Panzerangriffs im grossen Rahmen noch der Erdkampf realistisch darstellen. Man fragte sich, ob die grossen Korpsmanöver auf den abgeernteten Feldern mit den Landschäden noch zeitgemäss seien.

Kriegsmobilmachung vor grossen Truppenübungen

Mit der Doktrin der Abwehr von 1966 und aufgrund der Erfahrungen des Kalten Kriegs rückte die Armee ab von den herkömmlichen Manövern, die Zeit der «Truppenübungen» brach an. Anlässlich des Einmarsches sowjetischer Truppen in Prag zeigte sich, wie wichtig ein rasches Erstellen der Kampfbereitschaft ist.

Die grossen Truppenübungen begannen deshalb immer mit einer Kriegsmobilmachung: Die Truppe rückte auf den vorbestimmten Korpssammelplätzen ein, rüstete sich aus und erstellte sofort die Marschbereitschaft. Noch am gleichen Tag wurde entweder das Grunddispositiv oder der Einsatzraum bezogen und die Kampfbereitschaft erstellt. Das regelmässige Einüben der Abläufe, dezentrale Depots und weitgehende Vorbereitungen in allen Bereichen ermöglichten eine hohe Anfangsleistung der nicht permanent verfügbaren Milizarmee. Ende des Kalten Krieges konnte die Schweiz innert 48 Stunden rund 625'000 Soldaten mobilisieren.

Defilees durch die Strassen machten Armee sichtbar

Die Militärdienstpflicht dauerte damals für Soldaten und Unteroffiziere bis zum 50. Altersjahr, für Offiziere kamen nochmals fünf Jahre dazu. Die Schweiz hatte keine Armee – sie war eine Armee. Während den Übungen war ein grosser Teil der männlichen Bevölkerung eines Gebiets im Armeedienst. Die Truppen waren in Schulhäusern oder Zivilschutzanlagen einquartiert und damit für die Bevölkerung gut sichtbar. Die Schulkinder wussten, dass es Militärschokolade und -biskuits gab und suchten den Kontakt zu den Soldaten. Entlang wichtiger Strassen waren MG-Stellungen aufgebaut und es war selbstverständlich, dass die nächsten Anwohner den Soldaten Kaffee reichten.

Eindrücklich waren jeweils die Verschiebungen der Panzerverbände, wenn es rumpelte und vibrierte. Zum Schluss gab es häufig Truppenvorbeimärsche, sogenannte Defilees. Der Bevölkerung wurde eine kampfbereite Armee gezeigt und die Menschen wollten sie sehen.

Letzte Manöver 1989 in der Ostschweiz

Im Rahmen der KSZE-Vorgaben war die Schweiz zudem verpflichtet, ihre Truppenübungen voranzukündigen und ausländische Militärbeobachter einzuladen. Die Manöver dienten deshalb immer auch der Dissuasion – der Kriegsverhinderung durch Verteidigungsbereitschaft. 1983 waren während der Übung «Feuervogel» über 20000 Mann, 320 Panzer und Schützenpanzer, 2700 Panzerfahrzeuge sowie etwa 440 Geschütze und Panzerabwehrlenkwaffen eingesetzt. Während den Übungen berichteten die Medien – deren Journalisten ebenfalls Dienst leisteten – regelmässig über den Übungsverlauf.

Während dem Fall der Berliner Mauer fanden in der Ostschweiz 1989 die letzten Manöver statt. Danach beschlossen Bundesrat und die Armeeführung aufgrund der veränderten Bedrohungslage vorderhand darauf zu verzichten.

Serie Zeitgeschichte im Bild Diese Zeitung veröffentlicht jeweils zu Monatsbeginn in Kooperation mit Zeitgeschichte Aargau eine Fotografie aus der Aargauer Geschichte seit 1945. www.zeitgeschichte-aargau.ch

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