Gottesdienste sind out. Immer öfters bleiben Kirchen leer, werden höchstens von Gläubigen älteren Semesters oder an hohen christlichen Feiertagen gut besucht. In Reitnau ist das anders. Hier findet einmal im Monat der reformierte Jugendgottesdienst «Stand-Up» statt. Weil der Andrang so gross ist, muss der «Stand-Up» jetzt von der Kirche in die Mehrzweckhalle umziehen.

Seit sechzehn Jahren organisiert die Jugend der Gemeinde Reitnau monatlich den Gottesdienst «Stand-Up». «Am Anfang kamen vor allem Jugendliche aus Reitnau und den umliegenden Gemeinden», sagt Jonas Harlacher. Der 21-Jährige ist für die Organisation des Gottesdienstes zuständig. «Man hatte rund 50 bis höchstens 100 Zuschauer.»

2014 wurde der «Stand-Up» 15 Jahre alt. Zum Jubiläum wurde eine Feier in der Mehrzweckhalle Reitnau organisiert. Der Gottesdienst war ein Riesenerfolg. Zum Fest kamen nicht weniger als 400 Zuschauer. «Da ist etwas aufgebrochen», sagt Jonas Harlacher. Seitdem kämen jeden Monat durchschnittlich 150 Junge nach Reitnau, um Gott zu feiern.

«Input», «Worship», «Snacks»

Was ist es, dass so viele Jugendliche dazu veranlasst, den «Stand-Up» zu besuchen? «Wir haben eine frische Art, die man sonst von den Kirchen im Suhrental nicht kennt», sagt Jonas Harlacher. Vor dem Gottesdienst würde jeder Besucher einzeln begrüsst. Dann erscheine auf einer Leinwand ein Countdown. «Bei Null spielt unsere Band das erste Lied.» Darauf folge meist ein Theater, dann die Predigt eines Gastredners, der sogenannte «Input». «Unsere Referenten sind oft jung. Mit ihrer Wortwahl und den Themen, über die sie sprechen, kommen sie bei Jugendlichen gut an.» Anders als man es sonst von der Kirche kenne, würden die Prediger biblische Stellen und Gebete in Geschichten aus dem Alltag verpacken oder von persönlichen Erlebnissen erzählen. «Das hilft, die Bibel besser zu verstehen», so Jonas Harlacher. Anschliessend komme ein erster Teil der Anbetung, genannt «Worship». Es werden moderne Lieder gespielt, bei denen Gott gepriesen wird. Die Musik ist laut. Man kann dazu tanzen und singen. Im Anschluss an den Gottesdienst gebe es dann noch eine Verpflegung vom «Snack-Team».

Band, Sketche, Anglizismen, der «Stand-Up» ist hip. Wie «cool» darf ein Gottesdienst sein? «Wir sind bemüht, keine Show daraus zu machen», so Jonas Harlacher. Es ginge darum, den christlichen Glauben möglichst vielen Menschen näher zu bringen. Die Feier sei dabei lediglich dem heutigen Zeitgeist angepasst. «Christliche Jugendliche sind nicht anders als andere», sagt Julia Hochuli, die beim «Stand-Up» mithilft. Man dürfe deshalb den Gottesdienst auch den Bedürfnissen der Jugendlichen anpassen. «Solange die Feier authentisch ist und man den Zuschauern nichts vormacht, sehe ich darin kein Problem.»

Um dem «Stand-Up» beizuwohnen nehmen die Jugendlichen teilweise einen weiten Weg auf sich. «Die Leute kommen aus dem Ruedertal, aus Aarau, Lenzburg oder Gränichen.» Es würden auch regelmässig Interessierte von Geuensee ennet der Kantonsgrenze vorbeischauen. Auch viele Katholiken, Konfessionslose und Anhänger von Freikirchen kämen an den «Stand-Up», der am Sonntag um 18 Uhr zum ersten Mal wieder in der Mehrzweckhalle stattfindet. Man rechne mit rund 150 Teilnehmern. «Ein wenig nervös ist man da schon», sagt Julia Hochuli. Da man aber das Jubiläum schon in der Mehrzweckhalle gefeiert habe, könne man glücklicherweise bereits ein wenig abschätzen, wie gross der Aufwand sein wird.