Zofingen
Er hat keine Mühe damit, jemanden ins Gefängnis zu bringen: Andreas Zürcher will Gerichtspräsident werden

Der Wettinger Andreas Zürcher (36, parteilos) möchte in Zofingen zum Gerichtspräsidenten gewählt werden. Er tritt in der Kampfwahl vom 13. Juni gegen den Lenzburger David Holliger (Die Mitte) an.

Janine Müller, ZT
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Andreas Zürcher (36), wohnt er mit seiner Partnerin in Wettingen. Er kandidiert als Präsident für das Bezirksgericht Zofingen.

Andreas Zürcher (36), wohnt er mit seiner Partnerin in Wettingen. Er kandidiert als Präsident für das Bezirksgericht Zofingen.

Janine Müller

Bereits als achtjähriger Bub wusste Andreas Zürcher (36), was er werden will: Anwalt. Von diesem Berufswunsch hat er sich all die Jahre nicht abgewandt. Zielstrebig hat er ihn verfolgt, zumal auch die schulischen Leistungen stimmten. «Zum Glück», sagt Zürcher.

Und so sitzt er 28 Jahre später in einer Anwaltskanzlei in Zofingen und erzählt, warum er jetzt als Gerichtspräsident für das Bezirksgericht Zofingen kandidiert. Und warum er als Parteiloser in einer Kampfwahl am 13. Juni gegen David Holliger (Die Mitte, Lenzburg) antritt.

«Ich bin eher in der Justiz zu Hause»

Seit zehn Jahren arbeitet Andreas Zürcher als Gerichtsschreiber am Obergericht des Kantons Aargau. «Dabei habe ich gemerkt, dass ich eher in der Justiz zu Hause bin», sagt er. Heisst: Er will die Frage beantworten, welches der richtige Entscheid ist. «Als Anwalt versucht man hingegen immer, das für die Mandantschaft bestmögliche Ergebnis zu erzielen», sagt er.

Als Gerichtspräsident hingegen sei man mit einer Sachlage konfrontiert und der gesetzliche Rahmen vorgegeben. «Da habe ich auch keine Mühe, jemanden ins Gefängnis zu bringen», sagt Andreas Zürcher. «Als Gerichtspräsident habe ich das Gesetz umzusetzen.» Hin und wieder wünschte er sich, dass gewisse Taten stärker bestraft würden. «Gewaltdelikte werden heute teilweise schwächer bestraft als rein hypothetische Gefährdungen auf der Strasse», sagt Zürcher. «Allerdings ist es nicht an mir, Gesetze zu ändern.»

Breites Grundwissen als Wahlargument

Von seiner Arbeit am Obergericht kennt Andreas Zürcher das gesamte Justizsystem sehr gut, darunter auch das IT-System. Zudem kennt er verschiedene amtierende Gerichtspräsidenten am Bezirksgericht Zofingen aus deren früheren Tätigkeit und ist sich sicher, dass die Zusammenarbeit mit diesen sehr gut funktionieren würde. Ebenfalls weiss er, worauf es ankommt, wenn es darum geht, ein Urteil zu schreiben. Weiter ist er jeweils zuständig für die Einarbeitung der neuen Gerichtsschreiberinnen und Gerichtsschreiber am Obergericht.

Das alles seien Vorteile, von denen er als Gerichtspräsident profitieren könnte. Und: Aufgrund seiner Tätigkeit in der Zofinger Anwaltskanzlei ist sein Tätigkeitsgebiet gross. «Mein breites Grundwissen kommt mir sicher zugute als Gerichtspräsident, zumal derzeit noch nicht klar ist, in welchem Bereich der neu Gewählte eingesetzt wird.»

«Der Garten und die Haustiere lenken mich ab»

Andreas Zürcher ist bewusst, dass er als Gerichtspräsident mit schweren Fällen konfrontiert wird. Diese Erfahrungen hat er in den vergangenen Jahren auch mit eigenen Mandanten gemacht. «Der eigene Garten und meine Haustiere lenken mich ab», sagt er. Und auch die Tätigkeit als Trainer in einem Leichtathletikclub bringe ihn schnell auf andere Gedanken.

Allerdings habe er sich noch nie zu fest in einen Fall involviert gefühlt, dass es ihn derart beschäftigt hätte. Das Abschalten von der Arbeit gelingt ihm gut. Es sei aber jeweils eine Gratwanderung, Empathie für die involvierten Personen zu empfinden und gleichzeitig objektiv das Recht durchzusetzen.

Parteilos, aber in der politischen Mitte

Der 36-Jährige wohnt mit seiner langjährigen Partnerin in Wettingen. Er tritt als Parteiloser an, sein Konkurrent David Holliger wird portiert von Die Mitte (ehemals CVP und BDP). «Ich kann mich mit keinem Parteiprogramm vollständig identifizieren», erklärt Andreas Zürcher seinen Entscheid, für keine Partei anzutreten. Er sei sachbezogen und je nach Thema auf einer anderen Seite. So habe er weder der E-ID Vorlage zugestimmt noch sei er der grösste EU-Beitritts-Befürworter. Und so ist auch Zürcher eher der politischen Mitte zuzuordnen, obwohl er damals einen Beitritt in die CVP ausschloss, weil der Bezug zum «C» zu wenig vorhanden war.

Konsequenterweise hat er darum auch noch keine Partei um Unterstützung für den Wahlkampf angefragt. «Möglicherweise ist das ein Nachteil», meint er. «Weil aber am gleichen Tag noch nationale Abstimmungen sind, erachte ich meine Chancen als intakt. Je höher die Wahlbeteiligung sein wird, desto besser für mich.»

Vor den Wahlen am 13. Juni setzt Zürcher auf das Verteilen von Flyern, ein paar wenige Plakate an neuralgischen Punkten sowie auf eine Website, die noch aufgeschaltet wird. Übrigens: Auch wenn Andreas Zürcher nie einen anderen Berufswunsch hatte, so war er doch beruflich in unterschiedlichen Bereichen unterwegs, zumal er nicht einer ist, der ständig im Elfenbeinturm sitzen will: als Zimmermannsgehilfe, Briefträger und auch als Müllmann hat er sich während des Studiums den Lebensunterhalt finanziert.