Wynental
Kein Abschieds-Kegeln: Wegen Corona wurde eine 62 Jahre dauernde Ära still beendet.

Die Freie Aargauer Talschafts-Keglervereinigung hat sich ohne Abschlussversammlung aufgelöst. Der letzte Schweizer Cup-Gewinn war 1979.

Wolfgang Rytz
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Die letzten beiden Präsidenten der Talschaftskegler, Patrick Berger (links) und Hansruedi Steiner, hier auf der weiterhin in Betrieb stehenden Kegelanlage Telli in Aarau, bleiben dem Kegelsport trotz Verbandsauflösung treu.

Die letzten beiden Präsidenten der Talschaftskegler, Patrick Berger (links) und Hansruedi Steiner, hier auf der weiterhin in Betrieb stehenden Kegelanlage Telli in Aarau, bleiben dem Kegelsport trotz Verbandsauflösung treu.

Wolfgang Rytz / Aargauer Zeitung

In den 80 und 90er Jahren bildeten die Kegler im Wynental und den angrenzenden Regionen eine grosse Gemeinschaft. Wenn die Freie Aargauer Talschafts-Keglervereinigung (FATKV) im Herbst zum Absenden ihrer Meisterschaften lud, füllte sich der Reinacher Saalbau.

«Wir mussten in einigen Jahren sogar zusätzliche Tische in die freien Ecken stellen», erinnert sich der letzte Präsident, Patrick Berger. Der Unterverband, der vom Wynental bis nach Brugg reichte, zählte in seiner Blütezeit gegen 600 Aktivmitglieder.

Plötzlich kein Vorstand mehr

Gegründet Anfang 1959, haben die verbliebenen 70 Kegler ihre Vereinigung Ende 2020 still und leise aufgelöst. Die zweite Coronawelle verhinderte einen offiziellen Schlussabend. Schuld am Verschwinden der FATKV war allerdings nicht der Virus, sondern die sich zuspitzende Überalterung. Hinzu kam eine Rücktritts-Kettenreaktion im Vorstand.

Im Herbst 2019 hatten vier von fünf Mitgliedern demissioniert. So stand Vizepräsident Patrick Berger vor einer Herkulesaufgabe. Der schwer erkrankte Präsident Hansruedi Steiner zog sich nach 19 Jahren kurzfristig zurück. Mit ihm gingen der Sportchef, die Kassierin und der langjährige EDV-Verantwortliche.

Berger gelang das Kunststück, Sportchef Alfons Gmeiner und Ranglistenführer Max Lehner zu einem letzten Amtsjahr zu bewegen. Mit sanftem Druck rekrutierte er eine neue Kassierin und einen Aktuar. «Wir hatten im Vorstand bis zuletzt eine gute Teamatmosphäre», blickt der 51-jährige Hirschthaler mit Wehmut zurück.

«Schmerzensgeld » von je 200 Franken für übrig gebliebene Klubs

Der neue Vorstand nahm das 62. und letzte Verbandsjahr motiviert in Angriff, sah sich aber von Covid-19 gebremst. Im Sommer setzte der Vorstand trotz Widerständen die Fortsetzung der Meisterschaft durch. «Da waren wir einer der wenigen Unterverbände in der Schweiz», blickt Berger stolz zurück.

Diesen Mut belohnten 100 Keglerinnen und Kegler aus der ganzen Deutschschweiz mit ihrer Teilnahme. Der neue Präsident unternahm alles, um das Leben der Talschaftsvereinigung zu verlängern. Doch er fand keine Helfer. Die Präsidentenversammlung bestätigte im Juni 2020 die Auflösung per Ende Jahr mit 17:1 Stimmen, obwohl ein 89-jähriger Keglerveteran seine Unterstützung im Vorstand anbot.

Der letzte FATKV-Vorstand plante in der Folge einen grossen Familienabend samt Auflösungsversammlung. Dazu kams nicht mehr. Corona verhinderte den Schlusspunkt. Stattdessen war dem Vorstand und weiteren Funktionären ein würdiges Abschiedsessen gegönnt. Die Auflösung ergab für die übrig gebliebenen 10 Kegelklubs ein «Schmerzensgeld» von je 200 Franken.

Vergangene Zeiten: Spitzenkegler Philipp Murat Im Oberkulmer «Rössli» .

Vergangene Zeiten: Spitzenkegler Philipp Murat Im Oberkulmer «Rössli» .

Zvg / Aargauer Zeitung

Ein Unterkulmer gewann 1979 den Schweizer Cup

Lange war die «Talschaft» im Keglerkanton Aargau ein sicherer Wert gewesen. So gewann die FATKV 1978 den gesamtschweizerischen Unterverbandswettkampf. Den grössten Einzelerfolg feierte 1979 der Unterkulmer Willi Lüthy; er triumphierte im Schweizer Cup. Sein Team Sport I Unterkulm dominierte viele Jahre im FATKV. Die Wynentaler gewannen auch zweimal die Aargauer Klubmeisterschaft. 2018 und 2019 sorgte die vorletzte Verbandskassierin Maya Kamber mit zwei Schweizer-Meister-Titeln für Furore.

Trotzdem zeichnete sich das Verbandsende ab. Schon 2005 war die Mitgliederzahl unter 200 gesunken, während sich der Altersdurchschnitt im Pensionsalter bewegte. So liessen sich keine neuen Vorstandsmitglieder aufbauen. Der Unterentfelder Hansruedi Steiner sorgte während 19 Jahren als Präsident zwar für einen reibungslosen Betrieb, doch die Altersguillotine reduzierte den Keglerbestand sukzessive.

Wer bei den Keglern bis zuletzt durchhielt

Letzter Vorstand: Patrick Berger (Präsident), Alfons Gmeiner (Vizepräsident/Sportchef), Heidi Voramwald (Kassierin), Max Lehner (EDV/Website), Markus Bolliger (Aktuar).
Die letzten Klubs der Vereinigung: Aargau Süd Menziken, Bad Schwarzenberg Gontenschwil, Bözberg Brugg, Eichle Schinznach-Dorf, Kranz Gränichen, Maiglöggli Teufenthal, Sport I Gontenschwil, Sport-Club 74 Suhr, Suhrental Suhr, Zufall Schinznach-Dorf. (wr)

Auflösungspräsident Patrick Berger motivierte acht Vereine zum Übertritt in einen benachbarten Unterverband; zwei Klubs lösten sich auf. «Mehr als 50 unserer 70 Mitglieder kegeln weiter», sagt er mit Genugtuung. Ein zusätzliches Problem für die Kegler sind die verschwindenden Kegelbahnen. In jeder Gemeinde gabs einst eine Anlage, im Oberkulmer «Pöstli» sogar eine Vierbahnanlage.

Der Internetauftritt überlebt den Verein

Trotz Auflösung der Talschaftsvereinigung bleiben im Verbandsgebiet Keglerspuren zurück. Auf der sanierten Anlage im Gemeinschaftszentrum Telli in Aarau mit drei Bahnen finden weiterhin Meisterschaften statt. So haben die Klubs, die zur Freie Aargauer Keglervereinigung im Westaargau gewechselt haben, einen kleinen Heimvorteil.

Patrick Berger, der dem KK Maiglöggli angehört, freut sich schon jetzt auf den Wiederbeginn des Spielbetriebes im März. Unermüdlich ist auch der Gränicher Max Lehner. Obwohl sich der Verband aufgelöst hat, führt er die Homepage unter der Adresse www.fatkv.wordpress.com weiter. Altgediente Kegler geben nicht so schnell auf.