Reinach
«Wir sehen und hören nur, was wir kennen»

43 Jahre unterrichtete Beat Eichenberger aus Leimbach im Wynental Realschulklassen. Seinen Schülern wollte er die Natur nahebringen, in der er selber viel Zeit verbringt.

Peter Siegrist
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Beat Eichenberger war bei der Gestaltung der Naturweiher auf dem Stierenberg massgeblich beteiligt.

Beat Eichenberger war bei der Gestaltung der Naturweiher auf dem Stierenberg massgeblich beteiligt.

Peter Siegrist

Im Biologieunterricht am Lehrerseminar Aarau 1967 war ein Wynentaler besonders aufgefallen.

Beat Eichenberger aus Leimbach kannte praktisch alle Wildpflanzen aus der Region.

Bei Bestimmungstests hat er jeweils das Ergebnis weitergeflüstert und die Klassenkameraden konnten die Pflanzenbestimmung rückwärts vollziehen.

Seine Naturverbundenheit hat Beat Eichenberger in seinem Unterricht und Freizeitleben begleitet. Der Fototermin findet deshalb oben auf dem Stierenberg bei einem Naturschutzgebiet statt, das der Lehrer massgeblich mitgestaltet hat und heute mitbetreut.

Beat Eichenberger, wir haben uns beide vor 47 Jahren im Lehrerseminar kennen gelernt. Du warst in unserer Klasse der Bio-Experte. Du wusstest die Namen aller Pflanzen und Tiere. Woher stammt deine Verbundenheit zur Natur?

Beat Eichenberger: Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Mein Vater war naturverbunden, er zog mit uns Kindern fast jeden Sonntag in den Wald, er gab uns sein Wissen und seine Freude an der Natur weiter. Man erzählt auch, ich hätte als kleiner Bube alles in meinen Hosentaschen gehabt, Steine, Käfer und Blindschleichen.

Interesse und Wissen um Flora und Fauna gehörte schon immer zu dir. Hast du das auch deinen Schülern weitergegeben?

Das war eines meiner Uranliegen. So habe ich auch im Rahmen der Lehramtsschule ein Lehrmittel zum «Ökosystem Wald» kreiert. Für den Unterricht gilt, ein Ökosystem können Schüler nur begreifen, wenn sie die Pflanzen- und Tierarten kennen.

Suhr war 1971 deine erste Schulgemeinde. Konntest du damals deine Realschüler für die Natur begeistern?

In Suhr war man rasch auf dem Suhrerkopf oben oder am Ufer der Suhre. Exkursionen in die Natur haben den Schülern gefallen, für viele war der Unterricht im Freien wenig bekannt. Dass restlos alle begeistert sind, habe ich auch nie erwartet. Doch bei vielen war ein Interesse vorhanden.

Spielte da der vorherige der Mittelstufenunterricht auch eine Rolle?

Ja, unbedingt. Es ist ganz wichtig, was an der Primarschule zu Naturthemen gemacht wird. In Suhr war die Natur ein wichtiges Thema gewesen, die Kinder haben viel mitgebracht. Und die Lehrerseminarien hatten damals in der Ausbildung auch den Heimatkundeunterricht im Freien propagiert.

Wie hast du das heute, gut 40 Jahre später, erlebt?

Die Lehrerausbildung ist völlig anders und das wirkt sich aus. Der Bio-Unterricht bewegt sich in höheren Sphären, da werden etwa chemische Prozesse erläutert. Falls Artenkenntnis überhaupt noch ein Thema ist, dann lernen die Schüler zum Beispiel 50 Vögel auswendig, ohne je einen in der Natur gesehen zu haben. Es läuft viel über Bilder und Monitore. Selbst die ausgestopften Präparate finden kaum mehr den Weg aus der Sammlung ins Schulzimmer.

Das heisst, die Natur findet auf dem Bildschirm statt?

Das ist heute extrem geworden. Mit dem Aufkommen der Mobiltelefone und den Computern hat sich nicht nur die Welt verändert, auch die Jugendlichen und ihre Interessen sind anders geworden, die Ablenkung gross. Und da stehen Naturthemen natürlich nicht mehr an erster Stelle.

Was ist für dich essenziell?

Ganz klar das Naturerlebnis. Das digitale Zeitalter bringt zwar die Natur ins Schulzimmer, aber die Natur findet immer noch draussen statt. Ich gewichte für die Volksschule das Kennen von Abläufen und von Grundlagen des Lebens im Freien als wichtiger als biochemische Vorgänge.

Kennen die Schüler noch Vogelarten?

Wir sehen und hören nur, was wir kennen. Das sagte ich immer. Heute erkennen die meisten Kinder keinen Vogel mehr am Gesang. Ja, viele kennen kaum die Spatzen. Es sind dann für sie einfach Vögel. Ich gewann den Eindruck, Artenkenntnis sei wie verpönt, sei nicht cool. Und dennoch, eine kleine Grundlage gehört eigentlich zur Allgemeinbildung.

Also hat die Jugend kein Interesse an der Natur?

So ausschliesslich ist es nicht. Ich habe in Projektwochen immer wieder interessierte Teilnehmer und Teilnehmerinnen gehabt. Meistens stammten sie aus Familien, wo die Eltern den Kindern in dieser Beziehung etwas mitgaben. Und selbst während der Oberstufenzeit gibt es immer wieder junge Menschen, die sich plötzlich vertieft mit naturkundlichen Themen beschäftigen. Häufig sind es Mädchen.

Du hast dich damals im Lehrerseminar für die Realschule entschieden und bist der Stufe treu geblieben, weshalb?

Ich wollte damals schon ältere Schüler unterrichten, sie begleiten bis zum Berufseintritt. Ich habe rasch erkannt, wenn man die Realschüler gut und konsequent führt, dann bringt man die meisten weiter. Und an der Realschule konnte ich früher Werken erteilen, was ich ebenfalls schätzte und gewünscht habe.

Hast du nie an der Schule gelitten?

An der Arbeit mit den Schülern selten. Selbst als ich als dreiundzwanzigjähriger Junglehrer eine 6. und eine halbe 7. Klasse, total 41 Schüler unterrichten musste, habe ich es gepackt. Die 41 waren damals leichter zu führen als eine heutige Klasse mit 16 Schülern. In den 1970er Jahren haben die Schüler die gesteckten Grenzen einfach noch akzeptiert.

Was hat dir Mühe bereitet?

Das System Schule ist extrem aufwendig geworden. Häufig hätte ich die viele Zeit, die ich in Sitzungen und Besprechungen verbringen musste, lieber ganz konkret für meinen Unterricht eingesetzt. Unser Beruf hat sich stark verändert und da war ich nicht von allen Neuerungen begeistert. Das erging wohl vor 40 Jahren meinen damaligen älteren Kollegen auch so.

Würdest du wieder Lehrer?

Am Ende des Seminars wankte ich zwischen Unterrichten oder einem Biologie-Studium. Beides wäre möglich gewesen. Ich habe mich dann bewusst für das Unterrichten und die Arbeit mit Jugendlichen entschieden und dabei über all die Jahre an der Realschule das Ganzheitliche geschätzt.