Unterkulm
«Wir definieren uns über den Konsum»

«Konsumismus - Kritik und Perspektiven»: Franz Hochstrasser, der Vizeammann von Unterkulm, hat seine Gedanken über den Konsumismus, das Thema, das ihn seit Jahrzehnten beschäftigt, in einem Buch gebündelt. Das Buch ist 360 Seiten stark.

Peter Weingartner
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Franz Hochstrasser an seiner Buchvernissage

Franz Hochstrasser an seiner Buchvernissage

AZ

Das Buch von Franz Hochstrasser, Sozialwissenschaftler, Berater und Kommunalpolitiker, entspringt seiner Sorge um die Welt und das soziale Zusammenleben.

Auf 360 Seiten legt er seine Gedanken und Erkenntnisse dar, unter Einbezug auch der Ideen anderer Denker von Adorno bis Zola.

Essay, Versuch also, nennt er sein Buch.

«Eine Vorsichtsmassnahme», sagte er an der Präsentation des Buchs in Aarau, denn es sei eben ein Versuch, etwas einzufangen und auf den Punkt zu bringen: den Konsumismus. Sein Thema, das ihn seit Jahrzehnten beschäftigt.

Sinn stiftender Konsum

«Konsumismus steht für eine Kultur, die durch Überkonsum geprägt ist», sagt Hochstrasser, während frühere Kulturen durch Arbeit geprägt gewesen seien. Durch die Arbeitsteilung sei die Arbeit nicht mehr Sinn stiftend.

Und was tritt an ihre Stelle? Der Konsum! «Wir definieren uns über den Konsum», sagt der Autor. Kleidung, Tätowierungen, Waren aller Art.

Konsum stifte Identität, und er biete vordergründig Anerkennung und Glück, die durch Arbeit immer schwieriger zu erreichen sei. Auch Familie, Religion und Politik verlören an Bedeutung.

«Aus Geld muss mehr Geld werden», sagt er und umreisst den Kreislauf des Kapitalismus: Der Mehrwert, den die Angestellten erwirtschaften, wird re-investiert, damit neue Produkte in den Verkauf kommen und konsumiert werden, ohne dass man sie bräuchte.

Der Konsument werde zum Objekt, dessen Bedürfnisse nach den Wünschen der Wirtschaft geformt würden.

«Strukturelle Gewalt ist ein starker Begriff», meinte Thomas Gröbly, unter anderem Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Inhaber eines Ethik-Labors. Er fühlte Hochstrasser auf den Zahn.

Es fänden Eingriffe in innerpsychische Prozesse statt, sagte Hochstrasser, die zum Konsumieren zwängen. Anderseits unterlägen auch Kapitalisten im geltenden System wirtschaftlichen Zwängen, räumte er ein.

Perspektiven bewusst gesetzt

«Konsumismus - Kritik und Perspektiven» heisst Hochstrassers Buch, erschienen im Verlag Oekom. «Perspektiven, das klingt langweilig, warum nicht Revolution, Utopie?», fragte Gröbly.

Er habe den Begriff Perspektiven gewählt, «weil er mehr mit uns zu tun hat und weniger abgehoben ist», sagte Hochstrasser. Rezepte bietet er nicht an.

Sich Kompetenzen wie Gemeinsinn und Solidarität sich anzueignen, wäre anzustreben. Einfacher leben. Reparieren statt wegwerfen und aufs Neue konsumieren.

Auf globaler Ebene brauche es eine neue Diskussion, die aber nicht in ein Einheitsmodell münden könne. Die Tatsache, dass viele Nahrungsmittel weggeworfen würden, wo eine Milliarde Menschen zu wenig zu essen habe und eine Milliarde übergewichtig sei, empört ihn.

Kritisches Bewusstsein

Was tun? Wasser, Bildung, Luft müssten Allgemeingut sein. «Ich bin ein Verfechter eines Produktionsverbots für giftige Sachen, auch von Waffen», sagt Hochstrasser.

Szenarien ohne wirtschaftliches Wachstum erproben, denn das bestehende Gesellschaftssystem sei «ein sich selbst bedrohendes». Er ortet kritisches Bewusstsein gegenüber dem Konsumismus an der gesellschaftlichen Basis.

Hochstrasser bedauert das Fehlen eines langfristigen Planens auch in der Politik. Und obwohl die Situation bedrohlich sei - Klimawandel beispielsweise - tendiere der Mensch zur Verdrängung. Darob verzweifeln? «Dem Pessimismus des Verstandes setzt Franz Hochstrasser den Optimismus des Willens entgegen», sagte Thomas Gröbly.

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