Staffelbach
Wieso Staffelbachs Ammann seine Kühe jetzt früher melken muss

Seit vier Monaten ist Max Hauri Ammann von Staffelbach – das geht auch an seinen Kühen nicht spurlos vorbei. Als Gemeindeammann muss er sie nämlich manchmal früher als sonst melken. Für seine Gemeinde sieht er nur eine Option: Die Fusion.

Aline Wüst
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Max Hauri ist Landwirt und Staffelbachs Gemeindeammann.

Max Hauri ist Landwirt und Staffelbachs Gemeindeammann.

Chris Iseli

Das Baby weint, obwohl es nicht echt ist. Die 3-jährige Tina gibt ihm den Schoppen, der auch nicht echt ist. Die Puppe hört auf zu schreien, Ruhe kehrt ein im Haus von Max Hauri, dem neuen Gemeindeammann von Staffelbach.

Draussen ist dafür alles echt: das Lamm, das blökt, der Hahn, der kräht und das Bimmeln der Kuhglocken. Am Küchentisch erzählt Hauri, wie seine Gemeinde die Finanzen in den Griff kriegen will, warum er nie in Aarau leben könnte und weshalb er sich als Gemeindeammann Feinde machen muss.

Die Schweden schmeissen ihre Weihnachtsbäume aus dem Fenster. Die Staffelbacher werfen ihre um die Wette. Sind Sie gut darin?

Max Hauri: Ich war noch nie dabei. Zu dieser Zeit bin ich immer im Stall. Als Gemeindeammann bin ich nun öfters am Abend unterwegs und habe darum begonnen, meine Kühe manchmal früher zu melken.

Ihre Kühe merken also, dass Sie Gemeindeammann sind.

Wahrscheinlich kennen sie den Grund nicht, aber es hat sich sicher etwas geändert für sie mit meinem Amt.

Ausser dem Weihnachtsbaumwerfen ist in Staffelbach nicht viel los.

Stimmt nicht, wir haben ein reges Vereinsleben.

Vereine haben alle. Aber sonst ist es eher beschaulich, langweilig.

Nein, es ist immer viel los. Wir haben die Abendunterhaltungen der Vereine, das Grotto Ticinese der Männerriege und das Fischessen der Musikgesellschaft.

Ihre Gemeinde hat ein Leitbild. Dort kann man nachlesen, dass es ein Ziel war, bis 2010 die 1100-Einwohner-Marke zu knacken. Es fehlen aktuell noch 57 Einwohner. Wollen Sie die 1100 Einwohner erreichen?

Wachstum ist sicher gut, um Steuern zu generieren. Mein Ziel ist aber nicht Wachstum auf Teufel komm raus. Ich denke trotzdem, dass wir die 1100 Einwohner bald haben.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Momentan finden gerade an vier verschiedenen Orten Erschliessungen statt. Es gibt viele Leute, die jetzt bauen wollen.

Warum soll man nach Staffelbach ziehen – Reitnau ist schöner und Schöftland grösser.

Das Reitnau schöner ist, lasse ich nicht gelten. Jedes Dorf hat seine Vorzüge. Wir haben die besseren Verkehrsbedingungen als Reitnau und sind nicht so anonym wie Schöftland. Unser Nachteil ist der hohe Steuerfuss. Auf weitere Sicht zieht das die Zusammenarbeit mit anderen Dörfern nach sich.

Ihr Vorvorgänger hat einmal gesagt, dass er sich beim Kanton immer als Nervensäge von Staffelbach vorstelle. Wollen Sie die Fusions-Nervensäge der umliegenden Gemeinden sein?

Überlegt habe ich mir, ob ich bei den Zusammenschlüssen den Lead übernehmen soll. Jetzt ist es zu früh. Ich habe genug andere Baustellen.

Zum Beispiel, die Finanzen wieder ins Lot zu bringen. Staffelbach erhielt 2011 ausserordentlichen Finanzausgleich. Geht es der Gemeinde so schlecht?

Nein, so schlecht geht es uns nicht.

Finanziell schon.

Wir haben auch für das Jahr 2013 ein Defizit budgetieren müssen.

Wie viel?

Rund 260000 Franken. Klar, wir müssen schauen, dass wir die Finanzen wieder in den Griff kriegen. Darum sind Fusionsgespräche wahrscheinlich unausweichlich.

Lassen wir die Realität beiseite: Ein Milliardär zieht nach Staffelbach. Sie haben Geld auf der hohen Kante. Was machen Sie damit?

Ich muss sagen, diese Gedanken mache ich mir gar nicht (überlegt lange). Etwas Konkretes fällt mir nicht ein. Wir würden es auf jeden Fall nicht sinnlos ausgeben.

Könnten Sie sich vorstellen, in Aarau zu wohnen?

Nein, ich habe schon Mühe, wenn ich in Aarau einkaufen muss. Ich fühle mich nicht wohl in der Stadt. Absolut nicht.

Warum wollten Sie Gemeindeammann werden?

Durch den Wegzug von Petra Schär ist es jetzt etwas schnell gegangen. Aber grundsätzlich habe ich mich schon immer gern in der Gemeinde eingesetzt und ich möchte, dass Staffelbach weiterkommt.

Ihre Bilanz nach vier Monaten?

Ich sehe klar, dass es für den einzelnen Bürger nicht immer erfreulich ist, wenn das Dorf als Ganzes weiterkommen soll.

Sie machen sich Feinde.

Das ist unausweichlich. Ich gebe mir jedoch Mühe, den Betroffenen unerfreuliche Nachrichten so zu überbringen, dass sie verstehen, worum es geht.

Ein Beispiel?

Letzte Woche führte ich mit jemandem ein Gespräch und erklärt ihm, warum er sich an den Kosten für eine Erschliessungsstrasse beteiligen muss, obwohl er keine Bauabsichten hegt.

Die einzige Staffelbacher Ortspartei ist die SVP. Sie sind in der SVP. Warum?

Ich bin dort schon zu Hause, auch als Landwirt. Ich bin aber nicht bei allen Themen SVP-treu.

Wo weichen Sie ab?

In der Energiepolitik bin ich ein bisschen auf einem anderen Weg. Ich finde, man muss die alternativen Energien mehr fördern. Ich bin nicht so sehr AKW-Freund wie die SVP.

Würden Sie an einer Anti-AKW-Demo teilnehmen?

Nein, wir müssen zuerst Alternativen haben, bevor wir die Atomkraftwerke abschalten können.

Auf ihrem Dach hat es aber keine Photovoltaikanlage.

Noch nicht. Es ist aber ein Thema.

Was tun Sie für die Bauern?

Zurzeit ist die Vorplanung für eine Landumlegung im Gang. Dadurch werden Flächen zur Bewirtschaftung grösser. Das bringt den Bauern viel.

Dafür steht in Staffelbach bald ein Regenrückhaltebecken.

Das ist etwas, was Staffelbach nicht gesucht hat. Ich sehe aber, dass es sinnvoll ist. Wir wollen dafür allerdings eine angemessene finanzielle Gegenleistung.

Macht es Sie wütend, dass Sie nun ausbaden müssen, dass die Gemeinden weiter unten im Tal zu nahe an die Suhre bauen?

Uns stört, wenn diese Gemeinden nach dem Bau des Rückhaltebeckens denken: Jetzt ist das Problem gelöst, jetzt können wir noch näher ans Ufer bauen. Nicht lustig finden wir es vor allem dann, wenn wir bei einem Jahrhunderthochwasser einen See bis nach Reitnau haben und uns die anderen finanziell im Stich lassen.

Dafür haben Sie mit dem Kieswerk Fischer einen guten Steuerzahler. Staub und Lärm haben allerdings die Kirchlerber.

Das Kieswerk gibt sich alle Mühe, es den Anwohnern recht zu machen. Und ich kann auch nichts dafür, dass Staffelbach so weit nach Kirchleerau reicht. Zudem haben die Einsprecher die Einspracheverhandlung abgesagt.

Es ist eine lokale Frage: Susanne Hochuli oder Thomas Burgherr in den Regierungsrat.

Ich schreibe Burgherr sicher auf. Mehr sage ich nicht.

Am Wochenende ist das Raclette-essen des Chorvereins. Trifft man Sie da?

Ja, ich besuche solche Anlässe, wann immer ich kann, und reisse gern einen Schwatz über Gott und die Welt mit den Staffelbachern. Nur Alkohol trinke ich wenig.

Man wird Sie also nicht auf Bänken tanzen sehen am Freitag.

Vielleicht schon – aber nüchtern. (lacht)