Am letzten Montag übertrug der Aarauer Einwohnerrat die Trägerschaft der Heilpädagogischen Schule der Stadt Aarau an die Schürmatt. Naegelis letztes Projekt kann realisiert werden. Jetzt heisst es für Konrad Naegeli loslassen. «Das muss ich lernen», sagt Naegeli, «denn ich darf in aller Offenheit sagen, ich arbeitete sehr gern hier, konnte ich mich doch immer mit dem Sinn meiner Arbeit identifizieren.»

Nach 24 Jahren verlässt Naegeli die Schürmatt und geht mit 63 Jahren in Pension. Während der letzten zwei Jahrzehnte ist die Institution vom Kinderheim zum Kompetenzzentrum entwickelt worden und hat neue Dienstleistungsaufträge übernommen. Naegeli war 1987 als Heimleiter an das Kinderheim Schürmatt berufen worden und hat in all den Jahren der Schürmatt ein völlig anderes Gesicht gegeben.

Konrad Naegeli, ein Macher? «Eindeutig ja», sagt einer seiner engen Mitarbeiter. «Herr Naegeli war hinter allen Projekten immer der Treiber, der Motor; er konnte begeistern.» Naegeli stimmt dem zu: «Ja, ich bin ein Veränderungsfreak.» Nach den ersten zehn Jahren seiner Leitung – die Schürmatt war bereits als solide Institution fest im Aargau verankert – eröffnete Naegeli seinen erstaunten Mitarbeitern: «Jetzt bauen wir um.» Der Betrieb erhielt die heutige Organisationsstruktur mit Direktion und Geschäftsbereichen. Wieso verändern, wenn es doch läuft? Da schimmert bei Naegeli der ehemalige Lehrer durch, er erklärt mit einem Beispiel: «Ein Schiff kann man nur steuern, wenn es fährt.»

Er betrat Neuland

Konrad Naegeli ist ein Mensch mit Bodenhaftung. Der passionierte Bergsteiger ist nach seiner Erstausbildung zum Landwirt Primarlehrer geworden, hat später an einer landwirtschaftlichen Schule unterrichtet. Vor seiner Berufung an die Schürmatt arbeitete er als Info-Verantwortlicher des AKW Leibstadt. Nebenbei war er gefragter Organisator von Anlässen und war in der Erwachsenenbildung tätig.

Die Schürmatt und die Arbeit mit behinderten Menschen seien Neuland gewesen. Naegeli hat als Heimvater angefangen und sich rasch in Management und Betriebswirtschaft ausgebildet, um die neuen Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, zu bewältigen. «Der Stiftungsrat gab mir genügend Freiraum zum Gestalten, mit Keckheit und Glück konnte ich vorwärtsgehen.»

Der Berg ruft

Als Chef hat er uns viel Freiraum gelassen, sagt ein Mitarbeiter. «Stimmt», entgegnet Naegeli, «mein Credo war, den Mitarbeitern Vertrauen zu schenken.» Aber dazu gehöre auch, rasch einen Schnitt zu machen, sollte Vertrauen missbraucht oder der Auftrag nicht erfüllt werden. «Es gehört zu dieser Funktion, auch unangenehme Entscheide zu fällen und zu kommunizieren.»

Zu Beginn des neuen Lebensabschnitts will Naegeli vorerst einmal eine Leere spüren und aushalten. Er lasse sich dabei von seinem Grundoptimismus leiten: «Für mich ist das Glas immer eher halb voll als halb leer.» Er werde den Schlüssel abgeben und sich ganz von der Schürmatt verabschieden. Anfragen für neue Aufgaben lehnt er vorerst einmal ab. Selbst wenn es ihn freue, angefragt zu werden, wolle er zuerst zu sich finden und nicht sofort in die nächste Aktivität springen.

Und dann wartet natürlich die Bergwelt, der sich Konrad Naegeli besonders verbunden fühlt, und auch Vorlesungsbesuche an der Universität locken ihn.