Lukas (Name geändert) wird ungehalten, wenn ihn die Richterin fragt, ob er in der Schule Mühe gehabt habe. Ob er eine heilpädagogische Schule besucht habe? Warum sie solches frage. «Sie wissen es ja!» Überhaupt scheinen den 48-jährigen Schweizer die Fragen zur Person je länger, desto mehr aufzuregen – obschon Yvonne Thöny Fäs, Gerichtspräsidentin am Bezirksgericht Kulm, zwar zielstrebig, aber auch mit jeder erdenklichen Sensibilität vorgeht. Der Beschuldigte ist mit seinem Verteidiger, seiner Beiständin und einer Betreuerin aus der Heilsarmee-Institution, wo er heute wohnt, zur Verhandlung erschienen. Das schwerste Delikt, das ihm die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm in der Anklageschrift vorhält: versuchte sexuelle Nötigung.

Lukas ist ein Koloss von einem Mann. Für eine Frau muss die Vorstellung, von ihm angefallen und von seiner ganzen Masse zu Boden gedrückt zu werden, ein grösserer Albtraum sein. Genau das aber ist einer 28-Jährigen vor zwei Jahren passiert – auf einem Spaziergang am Hallwilersee. Der Tathergang an sich ist unbestritten. Der Beschuldigte überholte die junge Frau mit dem Töffli auf dem Uferweg bei Beinwil am See. Das Moped parkierte er weiter vorne und lauerte der Frau auf. Als diese sein Versteck passierte, ging er laut Anklageschrift auf sie zu – mit den Worten: «Wie geht es dir, mein Schätzeli?» Sofort packte er die Frau an den Armen, stiess sie nach hinten und ins angrenzende Wiesland zu Boden und legte sich auf sie.

Die körperlich unterlegene 28-Jährige wehrte sich, so gut es ging. Dabei schaffte sie es, den Angreifer mit einem Finger an einem Auge zu verletzen. Das wirkte. «Es tut mir leid, mein Schatz», soll Lukas hierauf gesagt haben, «ich kann dich aber nur gehen lassen, wenn du der Polizei nichts davon erzählst.» Als die Frau dies versprochen hatte, liess er von ihr ab und sie konnte fliehen.

Eine andere Fussgängerin verständigte die Polizei. Diese konnte ein Phantombild des Täters anfertigen. Zwei Tage später wurde Lukas verhaftet. Die Staatsanwaltschaft stellte Antrag auf drei Monate Untersuchungshaft. Doch das Haftgericht lehnte das Gesuch ab. Nach zwei Tagen war Lukas wieder auf freiem Fuss. Sein Opfer verstand die Welt nicht mehr. Gegenüber dem «Blick» sagte die 28-Jährige: «Der wollte mich vergewaltigen.» Ein Raubversuch sei das nicht gewesen. Jedenfalls habe ihn ihre Tasche nicht interessiert.

Aus der Anklageschrift werde nicht ersichtlich, wie die Staatsanwaltschaft dazu komme, Lukas versuchte sexuelle Nötigung vorzuwerfen, sagte gestern Dominik Probst, der amtliche Verteidiger. Damit sei das Anklageprinzip verletzt und sein Mandant sei vom genannten Vorhalt freizusprechen. Eine Nötigung ohne sexuellen Hintergrund liess der Verteidiger dagegen gelten. Erstellt sei nur, dass Lukas die 28-Jährige an den Armen gepackt habe.

Das Motiv dafür bleibe im Dunkeln. Welches Motiv ausser dem sexuellen unter den gegebenen Umständen ebenfalls hätte infrage kommen können, liess auch der Beschuldigte offen. Er verweigerte nämlich konsequent jede Aussage zur Tat. Über diese mit ihm zu sprechen, erklärte seine Beiständin, sei «ganz schwierig». Auch die Therapeutin, die das Ganze mit Lukas hätte deliktspezifisch angehen sollen, habe das Handtuch geworfen. Weil sie ihr Bemühen als sinnlos erkannt habe.

Die Staatsanwaltschaft beantragte in der Anklageschrift eine unbedingte Freiheitsstrafe von 180 Tagen. Zudem sei eine ambulante Massnahme anzuordnen, während und nach dem Vollzug der Gefängnisstrafe. Für die Dauer der ambulanten Massnahme nach dem Vollzug sei Bewährungshilfe anzuordnen. Die Geschädigte machte auf schriftlichem Weg Zivilforderungen geltend: 2000 Franken Genugtuung und 2875 Franken Parteientschädigung. Letztere seien akzeptiert, sagte der Verteidiger. Die Genugtuung dagegen sei ab- respektive auf den Zivilweg zu verweisen.

Bericht bestätigt Rückfallgefahr

Geht es nach seinem Verteidiger, kommt Lukas mit einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 30 Franken davon. Das Urteil ist noch nicht bekannt. Das Gericht folgte dem Antrag der Verteidigung auf schriftliche Urteilseröffnung. Es erwägt auch, unter Umständen noch weitere Gutachten einzuholen. Die Verteidigung stört ein jetzt schon vorliegendes Gutachten, das die Rückfallgefahr bestätigt. Lukas ist auch vorbestraft – wegen eines ähnlichen Falls: Vor zehn Jahren ist er, wie der Verteidiger erklärte, «auf eine Joggerin gefallen». Rechtlich sei der Fall damals aber anders beurteilt worden. Soll heissen: «Vorbestraft ja, aber nicht einschlägig.»