Martina Bircher hat sich für den Ort ihres Triumphs eine ganz besondere Lokalität in Aarburg ausgesucht: die «Musigburg». Diese ist zwar unter ihrem jetzigen Namen kaum bekannt, für viele ist es immer noch der «Moonwalker». Früher ein Kino, in den 80-er Jahren ein Ausgehlokal. Hier wurde manche Party gefeiert, manches Fest lanciert und manche Jazz- oder Bluesgrösse herausgeklatscht. Vor einigen Jahren schloss der «Moonwalker» seine Türen. Unter dem Namen «Musigburg» wurde das Eventlokal von neuen Köpfen wieder eröffnet. Viele trauern dem legendären Club noch immer nach. Einzig ein Wegweiser weist noch auf die vergangenen Zeiten hin.

Genau an diesem Ort feierte Martina Bircher ihren grandiosen Einzug in den Aargauer Grossen Rat. Sie, die seit 2014 Aarburger Gemeinderätin ist, für die SVP und unter anderem das Asyldossier unter sich hat, und den «Moonwalker» noch von früher kennt. Sie, die erst 32 Jahre alt ist, blondes Haar, ein fröhliches Lachen und einen aufgeweckten Geist hat. Sie wurde am Sonntag von den Wählern des Bezirks Zofingen zur Grossrätin gemacht. Mit 5615 Stimmen landete sie knapp auf dem dritten Platz, nur gerade 48 Stimmen hinter Christian Glur und 434 Stimmen hinter Benjamin Giezendanner. «Ich dachte nur: Jetzt habe ich es geschafft», sagt Bircher. Nach dem intensiven Wahlkampf sei das Ergebnis eine Erleichterung und Wohltat gewesen.

Sie will Missstände aufzeigen

Martina Bircher versteht sich als offene und dynamische Frau, die versucht, die Interessen des Mittelstandes zu vertreten. «Um Lösungen zu finden, müssen zuerst Probleme und Missstände aufgezeigt werden», schreibt sie auf ihrer Homepage. Sie scheut sich nicht, Missstände aufzuzeigen. Beispielsweise wenn es um die Sozialhilfe oder die Unterbringung von Asylsuchenden geht. Vor zwei Jahren machte sie bekannt, wie viele ehemalige Asylsuchende in Aarburg Sozialhilfe beziehen und was das die Gemeinde kostet. Sie hat aber nichts gegen Ausländer. «Um Himmels Willen, es geht nicht um die Menschen dahinter, es geht um die Sache.» Dass sie keine Berührungsängste hat, zeigt sie, wenn sie mit den Asylsuchenden in der Gemeinde fötzelen geht.

Mit ihrer klaren und harten Linie im Sozialbereich erlangte sie damals nationale Aufmerksamkeit. Plötzlich erhielt sie massenhaft Medienanfragen: Die «Weltwoche» schrieb einen Artikel, Bircher trat im «Club» auf und sie wurde gar zu einer Hauptfigur in einem Dok-Film von SRF.

Sozialmissbrauch

Martina Bircher zog erst 2012 ins Städtchen Aarburg. SVP-Mitglied ist sie aber schon seit ihrem 19. Lebensjahr. Ihre Begründung: «Die SVP ist für mich die Partei, bei der ich am meisten Anknüpfungspunkte finde.» Themen wie der Sozialmissbrauch zogen sie an. Mit 80 Prozent der Parteilinie sei sie voll und ganz einverstanden. Nicht ganz einverstanden ist sie mit der Familienpolitik der SVP. Liberal beurteilt sie gesellschaftspolitische Themen. Manchmal stört es sie, wenn sie in die Schublade der erz-konservativen SVPler gesteckt wird: «Das bin ich nicht.»
Ihr Erfolgsrezept? «Ich denke, die Leute merken bei mir, dass ich Probleme lösen will und dafür auch hart arbeite», sagt sie. Hart zu arbeiten hat sie schon früh gelernt.

Aufgewachsen ist sie als Einzelkind in Niederwil (Freiamt). Von der Realschule stieg sie in die Sekundar- und später in die Bezirksschule auf. Ein Erlebnis von damals bleibt ihr in Erinnerung: «In der 6. Klasse sagte mein Lehrer bei einem Elterngespräch, als meine Eltern wollten, dass ich in die Sek komme und er wollte, dass ich in die Real komme: Sie wird ja sowieso nur Hausfrau und Mutter», sagt Bircher rückblickend. Diese Aussage spornte sie an: Bei der Alu Menziken machte sie eine Lehre als kaufmännische Angestellte und die Berufsmaturität. Danach studierte sie Betriebsökonomie und Prozessmanagement. Während ihres Studiums hatte sie vier Jobs gleichzeitig. Seit rund zwei Jahren arbeitet sie bei der Post als Projektleiterin Weiterentwicklung Strategisches Controlling.

Seit fünf Jahren ist sie mit ihrem Freund Fabian Meyer zusammen. «Mein Partner unterstützt mich in allem», sagt sie und lacht ihr fröhliches Lachen. Er unterstützte sie im Wahlkampf, machte Videos, verteilte Flyer, war bei der Standaktion dabei.

Unterstützung aus Spanien

Ihr Freund ist aber nicht nur ihr Unterstützer und treuester Wähler, sondern als Bankangestellter auch ihr Berater in Geldsachen. Er war es, der ihr vorschlug, ein Spendenkonto für den Wahlkampf zu eröffnen. «Nach Medienauftritten bekam ich jeweils viele Zuschriften. Zuerst dachte ich: Für meinen Wahlkampf gibt mir doch niemand Geld», sagt sie. Doch sie täuschte sich: Sie eröffnete ein Konto und erhält nun aus der ganzen Schweiz, aber auch aus Spanien oder Deutschland finanzielle Unterstützung.

Auch SVP-Politiker aus anderen Kantonen unterstützen sie: An ihrer Wahlfeier in der «Musigburg» war beispielsweise auch Alt-Nationalrat Christian Miesch aus dem Kanton Basel-Landschaft anwesend. Als künftige Grossrätin wolle sie der eigenen Linie treu bleiben, schliesslich müsse man sich auch im Spiegel anschauen können. «Ich habe gemerkt, dass ich 150 Prozent geben muss, wenn ich als junge Frau Erfolg haben und wahrgenommen werden will», sagt sie. Im Grossen Rat muss sie nun von Neuem beweisen, was alles in ihr steckt – und bereits liebäugelt sie mit einer Nationalratskandidatur.