Es habe überhandgenommen, klagt der Sänger, das Huren, der Ehebruch, Diebstahl und Mord, das Fluchen und Schwören. Dabei wisse man doch: Wer in Gottes Reich kommen will, soll fleissig wachen und beten, den lieben Gott anrufen, morgens und abends.

Denn sonst, ihr lieben Christenleut, sonst ergeht es euch wie dem Christen Berchthold, dem Büchsenschmied aus dem Dorf zu Rued, der am 7. Mai 1663 seine eigenen Kinder mit einem Beil ermordet und sein Eheweib fürchterlich verletzt hat und dafür zu Lenzburg hingerichtet wurde. So wurde es gesungen, auf Märkten und in Schenken, tausendfach landauf, landab, vor über 350 Jahren, und die Leute sperrten die Ohren auf, entsetzt und fasziniert zugleich.

Die Liedflugschrift, die von diesem Ereignis berichtet, ist erst vor ein paar Monaten wieder entdeckt worden. Der deutsche Liedflugschriften-Spezialist Eberhard Nehlsen, Lehrbeauftragter am Institut für Musik an der Uni Oldenburg, hat sie im Herbst bei der Durchsicht von Aufzeichnungen zu den Lieddrucken aus den Beständen der Universitätsbibliothek Bern gefunden, gemeinsam mit dem Lied über die «Missgeburt», die im gleichen Jahr in «Mantzigken bey Reinach» zur Welt gekommen ist (az vom 24.2.).

Vorgänger der heutigen Zeitung

Geschichten wie die des «Beil-Mörders» oder der «Missgeburt» wurden ab dem 15. Jahrhundert in Versform niedergeschrieben und auf Märkten, in Wirtshäusern oder auf öffentlichen Plätzen gesungen und als kleines Liederheftlein verkauft. Diese Liedflugschriften erzählten von Kriegen, von Politikern, von Naturkatastrophen und Unglücksfällen – sie waren die Vorgänger der heutigen Zeitung. Mit einem kleinen Unterschied: «Die meisten besungenen Ereignisse wurden dahingehend interpretiert, dass es sich um Strafen oder Mahnungen Gottes handelt», sagt Eberhard Nehlsen. Damit war auch die Aufforderung klar: «Busse tun und Sünden ablassen.» Um den Zuhörern einen gehörigen Schrecken einzujagen und sie noch ein bisschen inbrünstiger beten zu lassen, wurden die Ereignisse süffig ausgeschmückt. So auch im Lied über den Beil-Mörder aus dem Dorf zu Rued:

«Morgens gar früh thun mich verstahn

Thut er aus seinem Beth auffstahn

Ein Biel nimbt in sein Hande

Fang an und hawt sein eigne Kind

Erbärmiglich in den Leib geschwind

Mit Jammer und Ellende.

Als er nun zwen getödet hat

Das dritte ihn gar fründlich batt

Ach Vatter lass mich leben

Schaw wie von diesem rünt das Blut

Erschröckenlichen mit unmuth

Doch möchts ihn nicht bewegen.

Der Teuffel ihn besessen hat

Noch grimmiger auch herzu thrat

Fang mit dem Beil an hawen

Mit grossem Schmerzen in seinen Leib

Biss es todt in der Stuben bleib

Darab hat er kein grawen.»

Als er die Kinder erschlagen hat, so das Lied, wendet der Berchthold sich in seiner Raserei dem Eheweib zu, die im Bett liegt mit dem jüngsten Kind. Bevor er auf sie einschlägt, lässt diese das Kind unters Bett fallen, um es zu schützen. Der Berchthold bemerkt das nicht und haut auch noch die Wiege in Stücke. Nachbarn, die das Geschrei im Haus hören, überwältigen den Mann schliesslich, noch bevor er sich selber mit dem Beil zu Tode schlagen kann. 61 Wunden habe man an ihm gezählt. Das Kind unter dem Bett überlebt. Gott hat das Kindlein beschützt, wird gesungen, und Gott hat es nicht zugelassen, dass sich der Mörder selber richtet.

«Das Gebätt hat er unterlahn

Darumb hat ihn Gott auch fallen lahn

Sein Hand von ihm gezogen

Weil er nicht gefolget Gottes Wort

Hat er sich brach in Angst und Noth

Der Feind hat ihn betrogen.»

Dem Berchthold wird in Lenzburg der Prozess gemacht und er wird zum Tode verurteilt. Mit glühenden Zangen wird er traktiert, bevor ihm die Glieder gebrochen werden und er aufs Rad geflochten wird. So singts der Kolporteur auf dem Marktplatz und die Zuhörer schauderts, kalt rieselt ihnen die Angst über den Rücken. Und glühend heiss fährt sie ihnen ein, die Moral von der Geschicht:

«Ihr lieben Christen Fraw und Mann

Thund dis zur Warnung nehmen an

Thund fleissig daran denken

Heben zu Gott auf ewre Hönd

Dass er sein heiligen Geist euch send

Der uns sein Trost thu schencken.»