Begleitetes Wohnen
Wie Ali lernte, nicht nur mit den Fäusten zu sprechen

Ali hat früh gelernt, sich durchzuboxen – und das im wörtlichen Sinn. Dabei glitt er immer mehr auf die schiefe Bahn. Im «Begleiteten Wohnen» der Heilsarmee in Reinach hat der heute 21-Jährige wieder leben gelernt.

Katja Schlegel
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Ali hat eine schlimme Vergangenheit. Er möchte deshalb nicht erkannt werden.

Ali hat eine schlimme Vergangenheit. Er möchte deshalb nicht erkannt werden.

Katja Schlegel

Was haben sie über ihn gelacht. Wie haben sie ihn belächelt, ihn gehänselt. Aus ihm werde nie etwas werden, sagten sie. So lange, bis Ali (Name geändert) sich nicht mehr anders zu wehren wusste und austeilte. Nicht mit Worten, das fällt ihm schwer. Sondern mit Fäusten. So lange, bis sie vor Angst vor ihm krochen, ihm hörig waren und taten, was immer er wollte. Ali war der Grösste, der Boss. Und 13 Jahre alt.

Heute ist alles anders. Ali hat eine eigene Wohnung, eine Freundin, eine Arbeit. Er ist Lastwagenchauffeur geworden, sein Traumberuf aus Kindertagen. Hinter ihm liegen sieben schwere, aber auch gute Jahre. Er hat sich komplett verändert. Eine Bilderbuchgeschichte, schwärmen seine ehemaligen Betreuer. Und was sagt Ali?

«Ich war der Teufel»

«Was ich erlebt habe, das wünsche ich keinem.» Ali klemmt eine Tomate in ein Stück Fladenbrot, steckt es in den Mund und kaut bedächtig. Dann erzählt er zögerlich. Von der schwierigen Jugend in Reinach. Vom Vater, der ausgeschafft wurde. Von der kranken Mutter, die nicht arbeiten konnte. Vom Geld, das an allen Ecken und Enden fehlte, von den Wintern, in denen die vier Kinder ohne Jacke zur Schule mussten, weil kein Geld für Jacken da war. Vom Schulschwänzen, vom Kiffen, vom Saufen, von den Schlägereien, von den Verurteilungen. «Das war alles normal für uns, keiner hat uns aufgehalten», sagt Ali. Wenn er spricht, dann tut er das ruhig und leise, dieser Bär von einem Mann. Auch wenn er davon erzählt, wie er mit seiner Gang andere Kinder gequält hat. «Wenn jemand Angst vor dir hat, kannst du alles mit ihm tun. Und sie haben alles für mich gemacht. Ich war der Teufel.»

Plätze immer belegt

Seit 125 Jahren gibt es die Heilsarmee Aargau Süd, so lange schon kümmert sie sich um Bedürftige. Seit Januar 2012 bietet sie in Reinach das «Begleitete Wohnen» mit drei Plätzen an. Das Angebot richtet sich an junge Menschen, die vorübergehend eine Begleitung brauchen und aus irgendwelchen Gründen nicht mehr daheim wohnen können, aber für ein Leben allein noch nicht selbstständig genug sind. Die Begleitung besteht aus regelmässiger Beratung, arbeiten an Zielen und gemeinsamen Aktivitäten. Die Aufenthaltsdauer beträgt 6 bis 36 Monate. Die Nachfrage ist laut Offizier Bjørn Marti gross. Wie schon im Vorjahr waren auch 2015 alle drei Plätze voll ausgelastet. Die Bewohner haben ihr eigenes Zimmer und teilen sich Wohnstube, Küche, Bad und Waschküche.

Mit 13 kam Ali ins Heim. «Eine Scheisszeit.» Vier Jahre, in denen er seine Familie kaum sehen konnte. Vier Jahre, in denen er täglich um seinen Platz in der Rangordnung kämpfen musste. Nach dem Heim, mit 17 Jahren, ging Ali in die Türkei, zu seinem Vater. Er wollte arbeiten, runterkommen, das Leben spüren, eigenes Geld verdienen. Sechs Monate lang blieb er, dann kam er zurück ins Wynental, wollte auch hier arbeiten. Doch er fand keine Stelle. Was er fand, waren seine Kollegen von früher. Und alles fing wieder von vorne an.

Alis Beiständin zog die Reissleine. Sie vermittelte ihm einen Platz im «Betreuten Wohnen» der Heilsarmee Aargau Süd. Im ersten Moment keine einfache Sache, sagt Ali. «Ich hatte eine Krise. Ich hatte mich doch gebessert, war anständig. Und doch wollte mich keiner haben, niemand gab mir die Chance, zu zeigen, was ich kann.» Dieser Frust, gekoppelt mit der engen Begleitung im «Betreuten Wohnen», das machte ihn rasend. «Diese Regeln immer und überall, wie im Heim. Das hatte ich so satt. Ich verstand nicht, dass das nur zu meinem Besten war.»

Doch Ali fand den Rank. Rund zwei Jahre lebte er im «Begleiteten Wohnen». Er lernte, Regeln einzuhalten. Sich einzufügen, sich Ziele zu setzen. Gelassenheit. Selbstbewusstsein, auch ohne Fäuste. Ali bekam die Möglichkeit, bei Bertschi Recycling zu arbeiten und später die Prüfung zum Lastwagenchauffeur zu machen. Und er lernte kochen, putzen, Wäschewaschen, Rechnungen bezahlen, Regeln einhalten. «Jetzt bin ich der Traum jeder Frau – ein türkischer Mann, der seinen Haushalt selber schmeisst», sagt er und lacht. Dann wird er wieder ernst. «Ich bin den Mitarbeitern der Heilsarmee sehr dankbar. Sie haben oft ein Auge zugedrückt und sind mir immer beigestanden. Sie haben mir den Schliff gegeben, den ich gebraucht habe.» Was wäre passiert, hätten sie sich nicht um ihn gekümmert? «Dann wäre ich im Gefängnis gelandet. Oder ausgeschafft worden.»

Mittendrin und doch für sich

Heute geht es Ali gut. Jeden Tag manövriert er sein riesiges Gefährt durch die Region Zürich. Immer mitten in dieser Menge an Autos und Menschen und doch für sich allein, abgeschottet in seiner Führerkabine. Das gefällt ihm. So mag er den Rummel, mittendrin und doch für sich. Er braucht Distanz, seine Ruhe. Auch vor seinen alten Kollegen. «Das sind keine Unmenschen. Wir haben uns damals gegenseitig gebraucht, um uns stark zu fühlen.» Heute wisse er, dass das falsch war.

Hat er Träume? Ali lächelt. Eine Familie mit zwei, drei Kindern, das wäre schön. Eine Freundin hat er seit zwei Jahren. Sie macht Matur, möchte danach Medizin studieren. «Der Jackpot», sagt er und grinst. «Wenn sie arbeiten geht, bleibe ich mit den Kindern daheim und mache den Haushalt. Ich weiss ja jetzt, wie das geht.»