Es ist ein Gefühl, wie wenn man ein altes Lieblingslied nach langer Zeit wieder einmal im Radio hört, die Lautsprecher voll aufdreht und den Text dazu noch immer fehlerfrei mitsingen kann. Oder, wie wenn man beim Aufräumen ein fast vergessenes Fotoalbum findet, es aufschlägt und einem plötzlich wieder all die Streiche von früher einfallen. So wie es anderen mit einem Fotoalbum geht, so geht es Raphael Iten mit einem ganzen Dorf. Jede Ecke von Menziken steht für eine seiner Erinnerungen. Für ein erstes Mal oder auch für ein letztes Mal. «Hier habe ich zum ersten Mal geraucht, dort in der Ecke zum ersten Mal ein Mädchen geküsst», erzählt er. «Und auch an die Schule erinnere ich mich sehr gut.» Er grinst verschmitzt.

Der 43-Jährige war eines der Gründungsmitglieder des Mutterschiffs und wohnt heute in Birmenstorf. «Ich erinnere mich, wie wir früher davon geträumt haben, so etwas wie das Mutterschiff auf die Beine zu stellen», sagt er «und wie wir – später dann – davon geträumt haben, es grösser zu machen.» Er blickt, sich an die alten Zeiten erinnernd, in die Ferne.

Mit 26 Jahren hatte er zum ersten Mal geholfen, das Festgelände aufzubauen. Was er damals noch zusammen mit seinen Freunden geträumt hat, ist wahr geworden. Jedes Jahr wird das Open Air ein bisschen grösser. Etwa 700 Leute besuchen es jetzt jedes Jahr. Gross ist das nicht, dafür bleibt die Stimmung familiär. Es riecht nach Gras, Feuer und Bier. Ein gemütliches Murmeln liegt über dem Gelände. Früh am Freitagabend sind nur wenige betrunken. Das Open Air ist gut besucht, an der Nebenbühne stellt gerade Rapper Nemo seine neuen Songs vor. Man kommt her, man trifft sich. «Ach, du auch hier?», ist wohl der meistgehörte Satz. Ein Open Air von Menzikern für Menziker. «Es ist schon ein bisschen so, als hätten wir es aufgestellt, nur damit wir einen Grund haben, zurückzukehren», sagt Iten nachdenklich.

Heimat in Hochdosierung

«Was gäbe es denn sonst für einen Grund, zurückzukommen?», sagt Yael Malcus halb scherzhaft. «Durch das Mutterschiff habe ich die Gelegenheit, all meine Freunde wiederzusehen.» Viel Zeit dazu bleibt ihr sonst nicht. Sie macht nur eine Woche Ferien, braucht sozusagen Menziken in Hochdosierung. Denn Zurückkommen, das bedeutet für Malcus 3000 Kilometer Luftlinie zurücklegen. Sie lebt seit zwei Jahren in Tel Aviv, ist jetzt dort zu Hause. Doch irgendwie ist sie eben auch noch immer in Menziken zu Hause, hat hier ihre Heimat. «Ich habe noch nie ein Mutterschiff verpasst», sagt sie nicht ohne Stolz. Und auch Peach von Heeren ist seit der dritten Durchführung jedes Jahr mit dabei. «Ich kenne viele kleine Festivals, aber das Mutti ist etwas Besonderes», erklärt er, «denn hier sind Leute wie der hier», er klopft einem Freund neben ihm auf die Schulter. «Mit denen ich schon seit Ewigkeiten befreundet bin.»

Es fängt langsam an einzudunkeln. Nach und nach füllt sich das Gelände mit Menschen. Die meisten von ihnen kommen aus Menziken oder einem Nachbardorf. Kinder rennen durch die Menge. Und, wer weiss, vielleicht erzählen sie in einigen Jahren eine ähnliche Geschichte vom Heimweh und von Menziken.