Pension

Wenn ältere Menschen zusammenziehen

Warum im Alter einsam in einem grossen Haus wohnen? Jutta Schai lebt seit einem Monat mit sieben anderen unter einem Dach.

Jutta Schai ist 62 Jahre alt und die Jüngste. Das WG-Küken. Vor fünf Wochen hat sie in Menziken die Umzugsschachteln gepackt und ihre 4-Zimmer-Wohnung hinter sich gelassen. Seither lebt die Physiotherapeutin zusammen mit sieben Mitbewohnern am Finkenweg in Unterkulm, in einer Wohngemeinschaft für ältere Menschen.

Es ist keine WG mit dreckigem Geschirr im Spülbecken, leerem Kühlschrank und vollgestelltem Stubentisch. Jeder Mitbewohner hat seine eigene Wohnung. Gemeinsam nutzen sie die Dachterrasse, einen Gemeinschaftsraum mit Küche und separatem Raum mit Badewanne, den grosszügigen Garten mit Sitzplatz und 12 Gemüsebeeten. Und den Keller; hier gibt es einen «Männer-Raum» und einen «Frauen-Raum». Im «Männer-Raum» steht eine Werkbank, im «Frauen-Raum», dem Atelier, drei Bügelbretter, ein Fitnessvelo und allerlei Schachteln mit Künstlerbedarf.

Blick ins Grüne entschädigt

Wenn man sich auf der Dachterrasse ganz aussen ans Balkongeländer stellt, kann man den Titlis sehen. Heute bleibt es beim «könnte»; Dunst versperrt die Sicht. Der Blick ins nahe Grüne aber macht den verwehrten Gipfelblick wett; am Hügel gegenüber grasen Kühe, ein paar Meter vom Haus entfernt gurgelt die Wyna. Kein Strassenlärm, kein gar nichts. Jutta Schai hält das Gesicht in die Sonne, breitet die Arme aus. «Ist das nicht wunderbar hier?»

Ruhig und hell ist es auch in Jutta Schais Wohnung. Zwei Zimmer, ein Balkon, dunkles Akazien-Parkett, platzsparende Schiebetüren, Einbauschränke und unzählige Steckdosen. Eine ganz normale, moderne Wohnung. Zumindest fast: In der Küche, zwischen Arbeitsfläche und Hängeschrank, ist ein Fenster in die Mauer eingelassen, mit freiem Blick in den Hausflur. Auch der Blick von aussen nach innen ist frei, wenn man sich auch etwas bücken muss, um direkt in den Wohnraum zu schauen. Das Fenster sorgt für mehr Licht - und für mehr Kommunikation unter den WG-Bewohnern. «Ich sehe sofort, ob jemand zu Hause ist oder wenn jemand den Gang entlang geht», sagt Schai. Das hat ganz praktische Vorteile, gerade im Alter. «Man würde auch sehen, wenn es jemandem schlecht gehen würde, wenn beispielsweise jemand in der Wohnung zusammengebrochen wäre.»

Männer und Paare - Fehlanzeige

«Ich hatte diese Wohnform schon lange im Auge», sagt Schai. Fünf Jahre lang hat sie sich mit dem Projekt Finkenweg befasst, sich immer wieder mit den Initianten, dem Ehepaar Elsbeth und Peter Koller, und den anderen künftigen Mitbewohnern getroffen, Pläne studiert und gewälzt. «Wenn man allein ist, ist das eine wunderbare Wohnform», sagt Schai. Gemeinsamkeit, ohne seine Unabhängigkeit zu verlieren; gemeinsam kochen, feiern, spielen oder verreisen, ohne sich verpflichtet zu fühlen. In einer WG zu wohnen bedeute nicht, keine Privatsphäre zu haben, sagt Schai: «Das ist unser oberstes Gebot: Wer seine Ruhe haben will, soll sie auch haben.» Sie selber sei auch gerne allein.

Nur an einem fehlt es in der WG noch: an Männern und Pärchen. Von den acht WG-Gspänli sind nur zwei verheiratet. «Männer scheinen mit dieser Wohnform Mühe zu haben», sagt Schai. Woran das liegen könnte, weiss sie auch nicht. Doch nicht die Männer im Speziellen, viele Menschen scheinen sich mit dem Gedanken, im Alter in eine WG zu ziehen, schwer zu tun. Von den zwölf Wohnungen sind erst sieben besetzt.

Die Leute würden sich zwar brennend für das Projekt interessieren, aber selber daran teilzunehmen? Daran scheitere es schliesslich. «Die Leute können sich nicht vorstellen, so zu wohnen. Sie fürchten sich vor Sozialkontrolle oder wollen ihr Eigenheim nicht aufgeben, lieb Gewonnenes nicht loslassen.» Für Schai unverständlich. «Ist es denn schöner, in einem riesigen Haus ganz allein zu sein?»

Jutta Schai fühlt sich in ihrer Wohnung pudelwohl, konnte es gar nicht erwarten, hier einzuziehen. Ihren Haushalt zu reduzieren sei ihr überhaupt nicht schwer gefallen, im Gegenteil. Bereits am Zügeltag hat sie ihre Räume fixfertig eingerichtet; nur die Bilderrahmen, die stehen noch an die Wand gelehnt. Und die Drähte für die Stromanschlüsse der Lampen lugen noch aus der Decke. Aber Licht und Bilder richtig zu setzen, das brauche seine Zeit.

Insbesondere mit zwei Nachbarinnen versteht sich Jutta Schai ausgezeichnet «Man kann nicht mit allen dick befreundet sein, aber man hat ja immer etwas Auswahl», sagt sie lachend. Und wenn es ihr am Finkenweg irgendwann nicht mehr gefallen sollte, wäre sie schnell weg. «Das ist eine Mietwohnung - wenn es mir nicht mehr passt, kann ich problemlos kündigen.» Und wie gefällt es ihr bis jetzt? Jutta Schai lacht und fragt mit gespieltem Entsetzen zurück: «Sieht man das etwa nicht?»

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