Irgendwann nach der hundertsten erfolglosen Bewerbung um eine Lehrstelle hatte die Menziker Bezirksschülerin aufgehört zu zählen. «Es war frustrierend», sagt die heute 19-Jährige Nora Rexha im Rückblick.

Jetzt freut sie sich, lacht übers ganze Gesicht, nippt entspannt an ihrem Mineralwasser in der Gartenbeiz und erzählt von ihrem Erfolg.

Zuerst wollte sie niemand, dann war sie die Beste. Das ist – zusammengefasst – die Geschichte von Nora Rexha.

Sie hat am KV Lenzburg Reinach im E-Profil als Beste ihres Jahrgangs abgeschlossen. Note: 5,4. Nora Rexha ist stolz. Sie hat es allen gezeigt – auch sich selber.

Der Erfolg hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Aber ihre Mühen, eine Lehrstelle in ihrem Traumberuf im Büro zu finden, sind nicht so schnell vergessen.

Noten oder Name schuld?

Während der Schulzeit waren ihre Noten nicht die besten. «In der dritten Bez habe ich nachgelassen, ich dachte, Schulnoten seien nicht so wichtig», erzählt die Lehrabgängerin.

Ihre Einstellung rächte sich bitter. Ein Jahr vor Schulschluss begann sie, Bewerbungen zu schreiben. Sie rief die Lehrbetriebe an, ging persönlich vorbei, aber es half alles nichts: Sie erhielt Absage über Absage.

Lag es nur an den Noten? Nora Rexha glaubt das nicht. Sie vermutet, dass die Absagen auch etwas mit ihrem kosovarischen Nachnamen zu tun haben.

Denn die Mitschüler mit Schweizer Nachnamen und ähnlichem Leistungsnachweis hätten schneller eine Lehrstelle gefunden als sie.

Vielleicht würden Schweizer bevorzugt, womöglich sei es den Betrieben einfach zu kompliziert, eine Lernende zu haben, die ihren Namen zehnmal am Tag buchstabieren müsse.

Aber das bleibt Spekulation. Es ist ihr auch nicht mehr so wichtig. Schliesslich hat es ja, gewissermassen in letzter Minute, doch noch geklappt.

Es war im Jahr 2012, einen Tag vor den Sommerferien. Die 4.-Bezlerin hatte noch drei Bewerbungen ausstehend. Zusammen mit ihren Eltern besuchte sie die Lehrbetriebe in der Hoffnung, dass es doch noch irgendwo klappen würde. Bei der dritten und letzten Firma hatte sie Glück.

Zwar konnte Nora Rexha bei der Bertschi Mulden + Container Transport AG in Reinach so kurzfristig keinen Lehrstellenvertrag bekommen, erhielt aber nach dem spontanen Reinschnuppern noch am gleichen Nachmittag ein Praktikum mit Aussicht auf die erträumte KV-Lehrstelle.

Nicht nur im Büro sitzen

Nora Rexha packte die Chance und bereute das Praktikumsjahr nicht. Sie konnte Erfahrungen sammeln, die ihr nachher in Lehre und Berufsschule zu Gute kamen, wie sie sagt.

Und es habe Spass gemacht, neben dem Bürojob auch praktisch mit anzupacken. «Stapler- und Baggerfahren ist cool», sagt sie und lacht. «Und ich habe gelernt, mich durchzusetzen.»

Auch Geschäftsführerin Sabine Frei-Bertschi freut sich über das Resultat ihrer Lernenden.

«Normalerweise haben immer die Banken und Versicherungen die besten Abgänger», sagt sie. «Dass wir als Recycling-Unternehmen jetzt zuvorderst dabei sind, ist ein schöner Erfolg für alle.»

Gleich zur Assistentin gemacht

Nora Rexha bleibt in einem 60-Prozent-Pensum bei der Bertschi Mulden + Container Transport AG, daneben will sie berufsbegleitend die Matura nachholen, um nachher an der Fachhochschule «irgend etwas Richtung Wirtschaft» zu studieren.

Ihre Chefin hat sie vertraglich gleich zur «Assistentin der Geschäftsleitung» gemacht – vorsorglich, wie Sabine Frei-Bertschi mit einem Augenzwinkern sagt: «bevor mir sie jemand aus dem Betrieb wegschnappt.»