Eigentlich war Milan (Namen geändert) schon fast verurteilt. Weil er einen Strafbefehl angefochten hatte, wurde er vorgeladen. Seine Frau Alma nahm die per Einschreiben versandte Einladung entgegen. Zu der Verhandlung erschien Milan aber nie. Das Bezirksgericht Kulm beschloss deshalb, den Strafbefehl für rechtskräftig zu erklären. Nur wenige Stunden später änderte der Richter seine Meinung und lud den Kroaten ein zweites Mal vor.

Was war passiert? Am 17. Januar 2015 kam es zwischen Milan und Alma zu einem heftigen Streit. Alma sagte später aus, ihr Mann habe sie übel beschimpft und mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Das tue er immer, wenn es Streit gebe. Nach der Auseinandersetzung machte sich Milan auf den Weg zu einem nahegelegenen Lokal. Alma informierte währenddessen die Polizei.

Beschimpfung während Autofahrt

Kurze Zeit später wurde Milan von zwei Kantonspolizisten dazu aufgefordert, mit auf den Polizeiposten zu kommen. Da er sich den Anweisungen widersetzte, wurde der Gipser in Handfesseln abgeführt. Während der Autofahrt zum Polizeipräsidium soll Milan die beiden Polizisten auf Kroatisch beschimpft haben.

Im Strafbefehl wurden Milan deshalb mehrfache Beschimpfung und Hinderung einer Amtshandlung vorgeworfen. Hinzu kamen die Vorwürfe wegen Nötigung und Beschimpfung sowie Tätlichkeit gegenüber seiner Frau. Weil Alma aussagte, ihr Mann habe sie in regelmässigen Abständen immer wieder geschlagen, kam ausserdem der Sachverhalt der mehrfachen Tätlichkeit hinzu. Milan hätte 6925 Franken zahlen müssen.

Damit war er nicht einverstanden. Er focht den Strafbefehl an und es kam zur Einladung für die erste Gerichtsverhandlung. Alma und Milan wohnten zu diesem Zeitpunkt wieder zusammen und es war Alma, welche die Einladung entgegengenommen hatte. Da sie allen Grund dazu gehabt hätte, Milan die Einladung zu verschweigen, entschied das Gericht, dass Milan nicht korrekt vorgeladen wurde. Am Dienstag kam es deshalb zu einer zweiten Verhandlung.

Befragt wurde nur Milan. Der grosse, glatzköpfige Mann rieb nervös über den rechten Handrücken während er sprach. Mit einer tiefen nasalen Stimme sagte er in gebrochenem Deutsch, er habe seine Frau an diesem Abend nicht geschlagen. Auch an die angeblichen Beschimpfungen könne er sich nicht erinnern. «Ich war besoffen», wiederholte der 44-Jährige immer wieder.

Dass er im Polizeiauto einen kroatischen Kraftausdruck gebraucht habe, könne sein. «Aber», sagte er und versuchte mit grosser sprachlicher Mühe zu erklären, dass er den besagten Satz nicht zu den Polizisten gesagt habe. Diese Worte brauche man einfach als Ausdruck und nicht als direkte Beleidigung.

Privatkläger führte Verhör

Die sprachlichen Barrieren waren nicht die einzigen Schwierigkeiten, mit denen sich Einzelrichter Christian Märki konfrontiert sah. Die Aktenlage war teilweise ungenau. Ausserdem konnte ein Teil der Einvernahmen nicht berücksichtigt werden. Geführt wurden sie nämlich von einem der beiden Polizisten, der ebenfalls als Kläger auftrat. Eigentlich hätte ein Polizist die Befragungen durchführen müssen, der nicht als Privatperson involviert ist.

Schlussendlich spielten diese Sachverhalte eine untergeordnete Rolle. Milan wurde mangels Beweisen «im Zweifel für den Angeklagten» in allen Punkten, die den besagten Abend betreffen, freigesprochen. Der Tatbestand der Hinderung einer Amtshandlung sei ausserdem nicht gegeben, so der Gerichtspräsident Märki. Das renitente Verhalten von Milan sei zwar ärgerlich, reiche für eine Verurteilung aber nicht aus.

Schuldig sprach Christian Märki Milan der mehrfachen Tätlichkeit. In der Verhandlung hatte Milan zugegeben, Alma geschlagen zu habe, wenn er getrunken hatte. Milan muss deshalb eine Busse von 2000 Franken zahlen und trägt die Kosten des Verfahrens. Er hat inzwischen nach eigenen Aussagen eine Therapie gemacht, um vom Alkohol wegzukommen.