Kentuckystrasse. Wie bloss kommen die Reinacher zu ihrer Kentuckystrasse? Hat sie der Gassenhauer «Schnucki, ach Schnucki, foahr’ ma nach Kentucky» zur Namensgebung inspiriert? Ehren sie mit dem Strassennamen tatsächlich den Amerikanischen Bundesstaat? Der Blick in die Geschichtsbücher zeigt: indirekt tatsächlich.

Der Strassenname würdigt eine alte Reinacher Firma: die «Kentucky-Tabak-Extract-Fabrik Reinach», gegründet 1901 von den Zigarrenfabrikanten Hediger Söhne und Villiger Pfeffikon im Gebiet Breite. Manche mögen sich noch an den 22 Meter hohen Turm der einstigen «Süüdi» erinnern, der noch bis 1978 in der Breite stand. Namensgeber der Aktiengesellschaft war die Tabakpflanze «Kentucky».

Die Pflanze liefert würzigen, dunklen Tabak, kräftig im Geschmack. Ihren Namen hat die Pflanze vom Bundesstaat, wo sie ursprünglich angebaut wurde. Um den in Holzfässern importierten Tabak ins Oberwynental zu bringen, liess die Wynentalbahn sogar Extrazüge fahren.

Schäfer liessen Tiere darin baden

Doch was genau passierte in der «Kentucky»? Andres Rüesch von der Burg, Spross einer Tabakfabrikanten-Familie, erinnert sich, dass die etwas dickeren «Kentucky»-Blätter jeweils nach dem Fermentieren über dem Feuer und vor der Verarbeitung in der Tabakindustrie über Nacht in ein Wasserbad gelegt werden mussten. «Um den starken Räuchergeschmack zu eliminieren», so Rüesch. Gewässert wurden die Tabakblätter, um das Aroma hervorzuholen und den Nikotingehalt zu reduzieren.

Was übrig blieb, die braune, nach Tabak riechende Lauge, wurde nicht etwa weggeschüttet, sondern unter Vakuum in der «Süüdi» eingekocht. Sie war Grundstoff für den Tabakextrakt, Nikotin und dessen Derivate. «Entweder wurde die Lauge weiterverarbeitet und schliesslich dem Kautabak beigemischt, oder an die Chemische verkauft», sagt Rüesch.

Grosse Mengen des dickflüssigen Sirups seien exportiert und als Mittel gegen Pflanzenschädlinge verwendet worden: «In Neuseeland beispielsweise trieben die Bauern damals ganze Schafherden durch ein Laugenbad, um das Fell von Parasiten zu reinigen», so Rüesch.

Doch die Lauge hatte noch weitere Einsatzgebiete: Alte Reinacher erinnern sich daran, dass die klebrige Sauce auf die damals noch unbefestigten Strassen gespritzt wurde, damit es beim Darüberfahren nicht mehr so stark staubte.

Die «Kentucky» war längst nicht die einzige Firma im Oberwynental, die sich auf die Tabaklauge spezialisiert hatte. So stellte unter anderem auch die «Herkules» in Menziken auf die Produktion von Tabakextrakt und Nikotin um, nachdem sie 1906 den Bau von Lastautos einstellen musste. Und auch die 1883 von Andres Rüeschs Urgrossvater Rudolf Sommerhalder gegründete (später in «Rüesch & Cie. AG» umbenannt) hatte sich auf die Verarbeitung der Lauge spezialisiert.

Für Mineure und Seebären

Während des Zweiten Weltkrieges war es schwierig, Tabakextrakt und Reinnikotin zu exportieren. Die anfallende Lauge musste in Fässern gelagert werden, was viel Lagerfläche beanspruchte. Andres Rüeschs Vater Willy Rüesch erfand ein Trocknungsverfahren, sodass der Tabakextrakt als Pulver leichter gelagert und später auch billiger verschickt werden konnte. Abnehmer waren vor allem die chemische Industrie und die Hersteller von Kautabak.

Dabei wird der zerkleinerte Tabak mit Tabaklauge und verschiedenen Fruchtsäften, beispielsweise aus Orangen, Pflaumen, Datteln, aber auch Honig Rum oder Lakritz, vermischt. Die Masse wurde in kleine, mundgerechte Stücke geschnitten, sogenannte Priem. Diese Stücke klemmte man sich zwischen Unterlippe und Zähne und saugte sie langsam aus. «Auf vielen Schiffen und insbesondere in den Minen galt ein striktes Rauchverbot; Kautabak war der Zigarettenersatz für Mineure und Seebären», sagt Rüesch.

Wie es der «Kentucky» in Reinach während dem Zweiten Weltkrieg ergangen ist, ist nicht bekannt. Gemäss Auszug der «Datenbank Industriekultur» des Verbandes Aargauer Museen und Sammlungen war Ricco Hediger bis 1948 Präsident der «Kentucky», wobei das Firmengelände bereits 1945 verkauft wurde.

Die Tochter des Käufers erinnert sich, dass der Vater die Liegenschaft aus dem Jahr 1899 wegen der mechanischen Werkstätte kaufte, in der er selber schliesslich Formenbau betrieben habe. Auch erinnert sie sich daran, dass die Bonbonfabrik Halter im Kupferkessel zwischenzeitlich noch Birnel kochte.

Kamin und Dampfkessel der alten «Süüdi» blieben noch jahrzehntelang stehen. Nach dem Tod des Vaters 1978 wurde der Kamin abgerissen, der Dampfkessel herausgeschweisst und der Kupferkessel verkauft. Das Wahrzeichen der «Kentucky» verschwand – geblieben ist der Strassenname.

Bereits erschienen: «Auf dem Maikäferfriedhof» zum Aarauer «Im Käfergrund».