Trügerische Statistik
Warum Unterkulmer doch nicht krimineller sind als Oberkulmer

In Unterkulm wurden 2013 doppelt so viele Straftaten verübt als in der Nachbargemeinde Oberkulm. Ist Unterkulm damit krimineller als Oberkulm? Eine voreilige Interpretation der Statistik, warnt die Polizei.

Pascal Meier
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In Unterklum ist die Sicherheit trotz Statistik gleich hoch wie in Oberkulm, so die Polizei.

In Unterklum ist die Sicherheit trotz Statistik gleich hoch wie in Oberkulm, so die Polizei.

Keystone

Das Internet-Angebot vom Bundesamt für Statistik ist eine Fundgrube für Fans von Zahlen und Prozenten. Spannend sind vor allem Statistiken, die einen selber betreffen. Die Kriminalitätsstatistik etwa. Der Bund schlüsselt diese bis hinunter auf Gemeindeebene auf. So kann im «Statistischen Atlas der Schweiz» jeder online nachschlagen, wie viele Verstösse gegen das Strafgesetzbuch es in Reinach oder Teufenthal gibt. «Kriminellere» Gemeinden erscheinen auf der Karte in dunklerer Farbe als jene mit weniger registrierten Straftaten.

Der Blick aufs Wynen- und Suhrental bestätigt Altbekanntes: In urbanen Gebieten wie Reinach und der Agglomeration Aarau gibt es – gemessen an der Bevölkerung – mehr Gesetzesverstösse als in ländlichen Gemeinden wie Gontenschwil und Kirchleerau. Eine Land-Gemeinde fällt jedoch voll aus dem Rahmen: Unterkulm. Hier wurden im vergangenen Jahr 55 Verstösse pro 1000 Einwohner registriert – genau so viele wie in Reinach. Was noch mehr erstaunt: Im etwa gleich grossen Oberkulm, das mit Unterkulm verwachsen ist, waren es 2013 nur halb so viele Straftaten. Und das ist kein statistischer Zufall: In den vergangenen fünf Jahren wurden in Unterkulm stets rund doppelt so viele Verstösse gegen das Strafgesetzbuch registriert als in Oberkulm. So weit die Statistik.

Ist Unterkulm tatsächlich krimineller als Oberkulm? «Nein», widerspricht Bernhard Graser. Der Mediensprecher der Kantonspolizei warnt vor solchen Interpretationen der Kriminalitätsstatistik. «Die Zahlen auf Gemeindeebene können trügen und werfen oft mehr Fragen auf als sie beantworten.» Als Beispiel nennt Graser Straftaten im Internet, zum Beispiel Bestellungsbetrug. Während sich die Opfer auf das ganze Land verteilen können, arbeitet der Täter von seinem Wohnort aus. Jede einzelne Anzeige wird dann statistisch unter seiner Wohngemeinde verbucht.

Ähnlich ist dies bei den Einbrecherbanden: Gehen diese in Unterkulm auf Tour, werden die Straftaten in Unterkulm registriert – auch wenn die Täter nicht dort wohnen. «Die Unterschiede zwischen Unter- und Oberkulm in der Statistik können deshalb schwer begründet werden», sagt Bernhard Graser. «Dazu wäre eine aufwendige Analyse in Handarbeit nötig.» Sinne mache eine solche kaum, hält Graser fest. «Weder in Unterkulm noch Oberkulm registrieren wir bei wesentlichen Straftaten wie Einbruchdiebstahl, Raub und Gewaltdelikten eine auffällige Häufung.» Das statistische Ergebnis spiegle keineswegs das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung wieder.

Der Fall Unterkulm ist nicht der einzige statistische Ausreisser, der zu reden gibt. Für Schlagzeilen sorgte im März auch Frick: In der Gemeinde hatten sich 2013 die Strafanzeigen gegenüber dem Vorjahr auf knapp 600 Fälle pro tausend Einwohner vervierfacht. Frick wurde darauf in den Medien zur «kriminellsten Gemeinde der Schweiz» gebrandmarkt – was so nicht stimmt. Denn Grund für den statistischen Ausreisser ist wahrscheinlich der mutmassliche Anlagebetrug um die Firma ASE Investment und die Basler Kantonalbank, der viele Geschädigte hervorgebracht hat.

Seon, die «Bronx im Seetal»

Das gleiche Schicksal erlebte im Frühjahr 2010 die Seetaler Gemeinde Seon, die damals laut Kriminalitätsstatistik drittkriminellste Aargauer Gemeinde nach Aarau und Baden. Seon habe sich vom offenbar «idyllischen Bauerndorf zur Hochburg des Verbrechens gewandelt», berichtete Tele M1 damals und sprach von der «Bronx im Seetal». Dem widersprach Gemeindeammann Heinz Bürki: «Ich glaube das nicht, denn ich kenne die Bevölkerung.» Bürki wollte deshalb genau wissen, wie die Statistik zustande gekommen war. Auch Regierungsrat Urs Hofmann äusserte Zweifel: «Wenn ich durchs Seetal fahre habe ich nicht das Gefühl, dass ich in Seon besonders aufpassen muss», sagte Hofmann gegenüber Tele M1.

Am Schluss stelle sich heraus: Die Statistik war richtig, vermittelte aber ein völlig falsches Bild: Denn ein Grossteil der Straftaten ging auf die Kappe von nur zwei Einwohnern. Diese hatten über 100 gefälschte Rechnungen verschickt – und damit Seon in die Top 3 der kriminellsten Gemeinden im Kanton katapultiert. Gut möglich, dass sich das «kriminelle» Unterkulm ähnlich erklären lässt.