Beromünster/Hallwil
Waldkathedrale: Holz und Heimat in Wort und Klang

Im Schlössliwald zu Beromünster, auf der Geländerippe oberhalb des Stifts, findet der erste internationale Waldkathedralen-Kulturtag statt. Die Verbindung zu Schweden, der Gastnation, geht freilich über den Holzreichtum beider Länder hinaus.

Peter Weingartner
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Hansruedi Zeder lässt inmitten der Waldkathedrale sein Clavichord erklingen.

Hansruedi Zeder lässt inmitten der Waldkathedrale sein Clavichord erklingen.

Peter Weingartner

Vögel zwitschern im luftigen Astgemäuer, Blätter flüstern, Hansruedi Zeder spielt auf dem Clavichord leise Töne. Im Schlössliwald zu Beromünster, auf der Geländerippe oberhalb des Stifts, findet der erste internationale Waldkathedralen-Kulturtag statt. Waldkathedrale? Der Propst des Chorherrenstifts St. Michael, Niklaus Krus, hat sie vor 222 Jahren, zur Zeit der Französischen Revolution, geplant zur «Récréation» der Chorherren. 220 Jahre nach der Errichtung erholen sich gut 100 Personen im lichten Buchenwald.

Verbindung Schweiz - Schweden

«Als Ueli Suter im Wald stand, hat es bei ihm gleich Klick gemacht», erinnert sich Förster Robert Suter, der die Gruppe in die Waldkathedrale führte. Ulrich Suter als künstlerischer Leiter des Projekts stellte den Tag unter das Thema «Holz und Heimat». Die Verbindung zu Schweden, der Gastnation, geht freilich über den Holzreichtum beider Länder hinaus. Zunächst begeisterten Joachim Bäckström und Christer Bladin, zwei schwedische Tenöre, im Schlössliwald mit ihrem Gesang.

Während die Künstlerin Véronique Arnold und der Tänzer Edmondo Wörner Baumstämme und Wurzelstöcke mit Garn verbanden und damit ein Netz errichteten, ergingen sich der Aarauer Lyriker Matthias Dieterle und die beiden im Bannkreis der Waldkathedrale geborenen Hansruedi Zeder (Pianist) und Josef Wey (Clavichordbauer) in Freiluftphilosophie über die «Wurzeln der clavierten Instrumente». Aber auch die Geschichte dieser Kathedrale lebte auf.

Waldtexte und Holzmusik

Dieterle rezitierte Texte mit Waldbezug. Zwei Zitate aus Peter Stamms Text «Im Wald» blieben bei vielen hängen. «Im Wald gibt es keine Zeit», schreibt Stamm, und «Im Wald ist jeder für sich, und doch keiner allein.» Dirigiert von Hansruedi Zeder, flüsterten die Besucher den Namen ihres Lieblingswaldes in die Kathedrale. «S Gaugehöuzli», wisperte Ludwig Suter, der mit seiner theatralischen Einführung in die Geschichte des Fleckens und des Stiftes den Startpunkt zu diesem Kulturtag gesetzt hatte. Nach Goethes kurzem und wohl eingängigstem Gedicht (Über allen Gipfeln ist Ruh ...) und Flötenklängen (Sieglinde Zihlmann) verliess die Gesellschaft den Ort der relativen Stille, nicht ohne sich vorher durch das Netz der Schnüre gekämpft zu haben.

Verbindende Sagen

Pirmin Meier, der in Beromünster wirkende Historiograf und Innerschweizer Kulturpreisträger, fand im Haus zum Dolder über das Holz hinaus reichende Verbindungen der beiden Nationen Schweiz und Schweden. Da ist nicht nur der Freiheitsdrang der Bewohner beider Länder zu nennen, der in vergleichbare Befreiungssagen mündete. Die wohl verblüffendste: Die Gemeinde Schwyz sieht den Ursprung ihrer Bewohner in Schweden. Das schlägt sich auch in zahlreichen Sagen nieder, nach denen die Seelen hierzulande Verstorbener in gewissen Nächten unter Getöse in ihre Heimat im Norden zurückzögen: Friesland, Schweden. Und in Beinwil am See stehe heute noch eine Scheune stets offen, damit die Geister auf ihrem Zug freie Bahn haben. «Nordische Geister verstehen keinen Spass», meinte Meier.

Er machte auch Spuren des Paracelsus in beiden Ländern aus. Und das mystische Pendant zu Bruder Klaus ist in Schweden die heilige Birgitta. Klaus von Flüe werden musikalische Visionen nachgesagt; Birgitta hörte die Gestirne singen, wenn der Priester die Hostie erhob.

Der Surseer Unternehmer und Zeitforscher Ivo Muri stellte den Zeitbegriff früherer Menschen (Zeit als Lebensenergie) dem heute verbreiteten Zeitbegriff (Zeit ist Geld) gegenüber.

Hallwyl auch in Schweden

Musik und Literatur standen im Zentrum des Nachmittags: Opernmelodien der beiden Tenöre in der Stiftskirche (Standing Ovations!), Clavichord-Rezital und Haikus von Matthias Dieterle in der Stiftsbibliothek. Im Schloss Hallwyl, der letzten Station des Kulturtages, ging es um die Verbindung des Walther von Hallwyl mit Wilhelmina Kempe, deren Vater mit Holz reich geworden war. Deshalb gibt es auch in Stockholm ein Hallwyl-Museum. Und die Verbindung zur Musik zurück leistet Lars Björn, einst Arbeiter bei Kempe und Urgrossvater des berühmtesten schwedischen Tenors, Jussi Björling.

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