Wynental
Vor über 100 Jahren wanderte ein Oberkulmer aus – jetzt wurde er als verschollen erklärt

Eine nicht alltägliche Publikation im Aargauer Amtsblatt wirft ein Schlaglicht weit zurück in die Vergangenheit. Vor über 100 Jahren verliess Hans Hunziker den Aargau in Richtung Übersee und verschwand. Jetzt wurde er als verschollen erklärt.

Marina Bertoldi
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Hans Hunziker war nicht der einzige, der nach Amerika auswanderte. Auf dem Bild das überfüllte Deck eines Auswandererschiffs um 1900.

Hans Hunziker war nicht der einzige, der nach Amerika auswanderte. Auf dem Bild das überfüllte Deck eines Auswandererschiffs um 1900.

Keystone

Hans Hunziker war nicht der einzige Aargauer, der seiner Heimat den Rücken kehrte. Vor allem Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz ein regelrechtes Auswanderungsland. Tausende packten ihre Koffer und machten sich aus vorwiegend wirtschaftlichen Gründen auf den Weg nach Übersee. Auch einige Jahre später zog es noch viele nach Amerika – zum Beispiel den Oberkulmer Hans Hunziker. Er war einer von vielen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb heute fast nichts über ihn bekannt ist. Jedenfalls scheint seit seiner Abreise kurz vor dem Ersten Weltkrieg nie wieder jemand etwas von ihm gehört zu haben. Als verschollen wurde Hans Hunziker aber erst in diesem Monat erklärt.

Denn obwohl niemand weiss, wieso sich der am 20. Januar 1894 geborene Hunziker zur Auswanderung entschieden hat, wo er sich nach seiner Überfahrt aufhielt und ob er die Staaten überhaupt jemals erreichte, lebte er in Oberkulm weiter – wenn auch nur formell.

Ein paar Tausender bleiben

Vor über zwei Jahrzehnten starb Hans Hunzikers Halbbruder und hinterliess eine Liegenschaft. Diese wurde verkauft und der Erlös an zig verschiedene entfernte Familienmitglieder verteilt. Auch Hans Hunziker stand ein Bruchteil des Erbes zu. Wer aber sollte das Geld bekommen? Schliesslich hatte man vom Oberkulmer schon seit Jahrzehnten nichts mehr vernommen.

Rechtslage: Ab wann gilt man als verschollen? Ist der Tod einer Person höchstwahrscheinlich, weil sie in hoher Todesgefahr verschwunden oder seit langem nachrichtenlos verschwunden ist, kann das Gericht jemanden für verschollen erklären. Auf Verschollenheit wird vor allem in Erbangelegenheiten geprüft.Als verschollen gilt einerseits jemand, dessen Vermögen während zehn Jahren in amtlicher Verwaltung stand oder wenn anderseits die Person ein Alter von 100 Jahren erreicht hätte. In diesem Fall können Erbberechtigte ein Gesuch stellen. Meldet sich innerhalb eines Jahres weder die Person selbst noch jemand, der über den Verbleib derjenigen Auskunft geben kann, wird die Person als verschollen erklärt. Es treten dieselben Rechte ein wie bei einem Todesfall.

Rechtslage: Ab wann gilt man als verschollen? Ist der Tod einer Person höchstwahrscheinlich, weil sie in hoher Todesgefahr verschwunden oder seit langem nachrichtenlos verschwunden ist, kann das Gericht jemanden für verschollen erklären. Auf Verschollenheit wird vor allem in Erbangelegenheiten geprüft.Als verschollen gilt einerseits jemand, dessen Vermögen während zehn Jahren in amtlicher Verwaltung stand oder wenn anderseits die Person ein Alter von 100 Jahren erreicht hätte. In diesem Fall können Erbberechtigte ein Gesuch stellen. Meldet sich innerhalb eines Jahres weder die Person selbst noch jemand, der über den Verbleib derjenigen Auskunft geben kann, wird die Person als verschollen erklärt. Es treten dieselben Rechte ein wie bei einem Todesfall.

Die Sache wurde schliesslich ordnungsgemäss abgewickelt: Für Hans Hunziker wurde ein Konto eingerichtet, die paar tausend Franken Erbe einbezahlt und von der Gemeinde verwaltet. Gemeldet hat sich nie jemand. Das Geld blieb unberührt.

Nun zog das Bezirksgericht Kulm einen Schlussstrich unter die Sache. Länger als ein Jahrzehnt stand Hans Hunzikers Vermögen in der Verwaltung der Gemeinde. Ausserdem wäre der Kulmer heute 122 Jahre alt. Damit sind die Kriterien für eine Verschollenheitserklärung erfüllt (siehe Box links). Und tatsächlich: Auf die Aufrufe des Gerichts meldete sich niemand, der etwas zum Verbleib von Hans Hunziker sagen konnte. Das Geld auf dem Konto wird nun (sofern sich nicht doch noch Angehörige melden) zwischen Kanton und Gemeinde aufgeteilt. Der Auswanderer gilt jetzt, rund 100 Jahre nach seinem letzten Lebenszeichen, offiziell als verschollen.

Kein alltägliches Verfahren

Es kommt nicht häufig vor, dass jemand für verschollen erklärt wird. Nach dem Tsunami in Südostasien vom Weihnachtstag 2004 allerdings, als zahlreiche Touristen auch aus der Schweiz umkamen oder verschwanden, hätten Verschollenerklärungen eine grössere Bedeutung erlangt, sagt Christian Märki, Gerichtspräsident des Bezirksgerichts Kulm.

Ansonsten seien sie selten. Das Bezirksgericht Kulm habe in den vergangenen zwanzig Jahren zwei Verfahren betreffend Verschollenerklärung durchgeführt.