Gontenschwil

Vor lauter Aufregung hatte Erna den Batzen verschluckt

Rosemarie Stucki-Maurer, aufgewachsen in Gontenschwil, hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben im Buch «Es esch nömme die Zyt».

Rosemarie Stucki-Maurer, aufgewachsen in Gontenschwil, hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben im Buch «Es esch nömme die Zyt».

Rosemarie Stucki-Maurer hatte 1938 die Rolle der Maria im Krippenspiel. Schwester Erna machte ihr fast einen Strich durch die Rechnung.

Wie das dauerte. Diese Adventszeit. Je näher die Heilige Zeit kam, desto zäher verstrichen die Tage. Diese Ruhe und Besinnlichkeit, das ertrugen die Maurer-Schwestern Rosemarie und Erna kaum, so gross war die Vorfreude. Da kam ihnen die Sonntagsschul-Weihnacht gerade recht.

In diesem Jahr, anno 1938, studierten die Kinder dafür nicht nur Verse und Lieder ein, in diesem Jahr sollte sogar ein Krippenspiel aufgeführt werden. «Das war ein Lichtblick, der einem das Warten verkürzt hat», erinnert sich Rosemarie Stucki-Maurer (89) an die Zeit vor 81 Jahren.

Erinnerungen in einem Buch

Aufgewachsen ist Rosemarie Stucki im Gontenschwiler Unterdorf als älteste von drei Geschwistern. Ihre Grosseltern führten den Schuhladen Maurer samt kleiner Schuhmacher-Werkstatt, ihr Vater hatte mit nur gerade 23 Jahren das Malergeschäft Maurer gegründet, das es heute noch gibt.

Die Geschichten von damals hat Rosemarie Stucki gestochen scharf in Erinnerung. Inzwischen hat sie viele davon in einem Buch mit dem Titel «Es esch nömme die Zyt» zusammengetragen. Sie tragen Titel wie «Schnee», «Chrömle» oder «Es Chendli chonnt uf d Wält» und erzählen in Wynentaler Dialekt aus dem Dorfalltag der Dreissiger- und Vierzigerjahre.

Eigentlich war es nur für die Enkel gedacht

«Eigentlich habe ich die Geschichten ja nur für meine Enkel niedergeschrieben, damit sie nicht vergessen, wie die Zeiten damals waren», sagt Rosemarie Stucki, die heute in Schöftland wohnt.

Aber das Buch hat Kreise gezogen; immer mehr Gontenschwiler hatten davon gehört und um ein Exemplar gebeten. Über 200 Bücher hat sie schon verteilt, eines wurde sogar bis nach Kalifornien geschickt, an eine ausgewanderte Gontenschwilerin.

In dem Buch finden sich viele Wintergeschichten. So zum Beispiel die, wie die Kinder jeweils im Brünnelichrüz einen Christbaum abholen konnten, der dann am 23. unters Vordach gestellt wurde, mitsamt einer Kiste voller Baumschmuck. «Über Nacht kam dann das Christkindli vorbei und hat den Baum geschmückt.» Doch damit war die Arbeit für das Christkindli noch nicht erledigt.

Das Weihnachtskindlein klopfte an der Tür

Rosemarie Stucki erinnert sich auch daran, wie es jeweils an Weihnachten vor der Tür stand. «Im weissen Nachthemd, ein Tuch vor dem Gesicht, in der einen Hand ein Glöcklein, in der anderen die Geschenke für uns drei Kinder.»

Mit hoher Stimme habe das Weihnachtskindlein gefragt, ob sie denn das Jahr über brav gewesen seien. Rosemarie Stucki lacht; erst später sei ihr aufgefallen, dass das Weihnachtskindlein Mutters Hochzeitsschleier um den Kopf geschlungen hatte und doch eigentlich verdächtig nach dem etwas älteren Nachbarsmädchen geklungen hatte.

Die Geschichte zur Sonntagsschul-Weihnacht ist ihr aber besonders in Erinnerung geblieben. Schliesslich durfte Rosemarie Maria spielen. «Das esch nümme nüüt», habe Vetter Edy gemeint und sie habe das auch gedacht, aber die Mutter habe ihr die Knöpfe rasch eingetan.

Sie hat ihre Rolle ernst genommen

«Ich solle mir darauf nichts einbilden, hat sie mir gesagt.» Auch Schwester Erna durfte mitspielen, als «Kind aus dem Volk». «Erna musste in die Krippe schauen und sagen: ‹Und Öörli htes, so rosig rond, wie Möscheli vom Meeresgrond!›»

Erna habe ihre Rolle ungeheuer ernst genommen. Noch während dem Essen habe sie ihren Text aufgesagt, mit vollem Mund. «Vati musste sie ein paar Mal mahnen, dass man nicht mit vollem Mund spreche.»

Vierzehn Tage lang wurde das Spiel mit grossem Eifer geübt. Erna war so aufgeregt, dass sie den Batzen, den die Mutter fürs «Negerli», die Spendenkasse in Form eines schwarzen, nickenden Bübchens, mitgegeben hatte, verschluckte.

«Cha mer en denn no bruuche?»

«Erna ist darob natürlich heillos erschrocken und hat angefangen, laut zu weinen. Sie wollte gar nicht mehr aufhören damit, und keiner wusste, warum.»

Die Sonntagsschullehrerin habe Rosemarie dann mit der hemmungslos weinenden Erna heimgeschickt. «Das hat mir überhaupt nicht gepasst, weil ich doch eine so wichtige Rolle hatte.» Daheim habe es aber glücklicherweise nicht lange gedauert, bis die Mutter herausfand, was Erna fehlte.

«Ich habe den Batzen verschluckt», habe Erna schliesslich gestanden und heftig geschluchzt. Die Mutter habe nur nachsichtig den Kopf geschüttelt und das Häufchen Elend getröstet. «Dann hat sie ihr ein grosses Stück Brot zu Essen gegeben und gesagt, der Batzen komme schon wieder hervor.

Da müsse man nur etwas Geduld haben. «Da hat Erna die Tränen abgeputzt und gefragt: ‹Cha mer en denn no bruuche?›»

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