Ruedertal
Vor 50 Jahren machte Schmiedrued-Walde mit dem «Schwimmbadwunder» national Schlagzeilen

Sie krempelten die Ärmel hoch und banden sich die Röcke zu. In Schiedrued-Walde wurde vor 50 Jahren innert zehn Tagen ein Traum umgesetzt. Ein Gemeinschaftsprojekt schlechthin, das schweizweit für Aufsehen sorgte.

Katja Schlegel
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Alexandra Rossi, neue Badi-Angestellte, und Präsident Bruno Müller.
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Das Bad Walde feiert seinen 50. Geburtstag
Historische Aufnahme. Das Bad Walde feiert seinen 50. Geburtstag
Historische Aufnahme. Das Bad Walde feiert seinen 50. Geburtstag
Historische Aufnahme. Das Bad Walde feiert seinen 50. Geburtstag
Historische Aufnahme. Das Bad Walde feiert seinen 50. Geburtstag

Alexandra Rossi, neue Badi-Angestellte, und Präsident Bruno Müller.

Alex Spichale

Zwölf Stunden dauerte es und der Bagger stand da: Am Freitagabend hatte die Gründungsversammlung des Vereins Schwimmbad Schmiedrued-Walde stattgefunden, am Samstagmorgen rammte der Bagger erstmals seine Schaufel in den Boden. Und nur sechseinhalb Wochen später hüpften die Dorfbewohner erstmals ins Becken. Ohne langes Behördenbrimborium, ohne jahrelange Verhandlungen über Standort und Bauweise, ohne Baubewilligungsverfahren. Sondern mit unternehmungslustigen Freiwilligen, mit Leuten, die anpacken, ohne lang zu fackeln. So macht man das im Tal. Hier macht man Nägel mit Köpfen.

50 Jahre ist das her, seit die Leute aus Schmiedrued-Walde allen zeigten, wie man Träume umsetzt. Sogar national machte das «Schwimmbadwunder von Schmiedrued» Schlagzeilen; der «Brückenbauer», Vorgänger des «Migros-Magazins», berichtete über die Schwimmbadbauer im obersten Zipfel des Ruedertals.

Ein Kupferkessi für die Badi

Treibende Kraft hinter dem Projekt war Max Bolliger, Kleinbauer aus Walde mit etwas Land und einer guten Idee, aber ohne Geld und Wasser. Geld konnte Bolliger von der Gemeinde nicht erwarten, zu schlecht stand es um die Finanzen. Subventionen vom Kanton gab es auch keine, weil die Bauherren Privatpersonen waren. Also sammelten Bolliger und seine Helfer Geld in der Bevölkerung. Kaum einer, der nichts an das Bad zahlte oder ein zinsloses Darlehen gewährte, der nicht eine Schaufel in die Hand nahm und mit anpackte. Die Käsereigenossenschaft verkaufte sogar ihr altes Kupferkäsikessi zugunsten des Schwimmbades, Bolliger stellte sein Land neben dem Campingplatz, rund 32 Aren, kostenlos zur Verfügung.

Am 12. Mai 1967 wurde der Verein Schwimmbad Schmiedrued gegründet, am 13. Mai begannen die Arbeiten. Bis zu 30 Mann leisteten über 500 Stunden Fronarbeit, bis das Becken mit den Massen 14,75 auf 28,5 Meter ausgeschaufelt und mit rohem Beton ausgespritzt war. Noch einmal so viel Arbeit brauchte es für Umgebungsarbeiten und den Bau von Umkleidekabinen, Toiletten und Zäunen. Kostenpunkt für die gesamte Anlage: rund 125 200 Franken. Ende Juni soll es gewesen sein, dass die ersten Badegäste ins mit 635 Kubikmeter Quellwasser gefüllte Becken hüpften. «Damals schon wurde das Wasser mit einer modernen Filteranlage ständig gereinigt», sagt Bruno Müller und lacht. «Da hat man nicht einfach einen Gartenschlauch reinhängen lassen.»

Ein neues Gesicht

Letztes Jahr schon führte Doris Keller aus Menziken den Kiosk und sorgte für den Unterhalt der Badi. Dieses Jahr bekommt Keller Unterstützung von ihrer Nichte Alexandra Rossi (27), auch sie aus Menziken. «Ich geniesse die Arbeit hier», sagt Rossi, «es fühlt sich ein bisschen wie Ferien an.» Selbst dann, wenn das in Schönwetterphasen bis zu 14 Stunden Arbeit an sieben Tagen bedeutet. «Die Zeit vergeht hier wie im Flug, kaum hat man angefangen, dunkelt es schon wieder ein.»
Die Badi Schmiedrued-Walde ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Am Freitag, 7. Juli, ab 20 Uhr, feiert der Verein das 50-Jahr-Jubiläum. Tags darauf findet das jährliche Badifest statt. Ab 13 Uhr gibt es Spiele für Kinder, am Abend wird gefeiert.

Müller (42) ist seit 2009 Präsident des Schwimmbadvereins. Er hat hier schwimmen gelernt, das Schwimmbad liegt ihm am Herzen. In einem Bundesordner hütet er die gesammelten Zeitungsartikel und Fotos aus den Sechzigerjahren wie einen Schatz. Und er weiss Dinge, die nie in der Zeitung standen. Er weiss zum Beispiel, dass das Schwimmbad nicht bei allen sofort auf grosse Gegenliebe stiess, dass es auch Skeptiker gab. Leute, die dem neumodischen Zeug, diesem Schwimmbad nicht so recht über den Weg trauten. Und sowieso, wer hat denn schon Zeit, zu planschen und in der Sonne zu liegen?

«Unser Schwimmbad war weitherum das erste», sagt Müller. So etwas kannte man im Tal nicht. Schwimmen konnte kaum jemand, und wenn, dann hatte man es höchstens in der Ruederche gelernt, mehr schlecht als recht. Da brannte mit dem einen oder anderen schon mal die Fantasie durch, was so ein Schwimmbad alles anrichten könne. So ging beispielsweise das Gerücht um, man könne im Badwasser strampelnd ungewollt schwanger werden. «Es gab Frauen, die sich unten die Röcke zusammenbanden», sagt Müller und lacht. So sei das halt gewesen. «Neues macht Angst und verunsichert, damals wie heute. Da entstehen halt schnell solche Räubergeschichten.»

Der Letzte sammelt ein

Damals wie heute ein grosses Thema ist das Geld. «Seit 50 Jahren geht es immer grad so auf», sagt Müller. Noch immer gehört das Schwimmbad nicht der Gemeinde, sondern dem Verein. Zwar zahlt die Gemeinde jährlich einen Betrag von 35 000 Franken an den Betrieb, doch reicht das vorne und hinten nicht. Die Differenz berappen die Sponsoren und die aktuell rund 160 Vereinsmitglieder. «Zum Glück ist der Rückhalt in der Bevölkerung noch immer unglaublich gross», so Müller.

Diesen Winter zum Beispiel haben viele Unternehmen und Freiwillige mitgeholfen, das Kioskhäuschen umzubauen. Darauf ist Müller stolz. Und natürlich auch auf die Badigäste, viele Familien, viele aus dem Luzernischen. Sie alle schätzen die Ruhe, das Familiäre. Ein Machtwort gesprochen werden müsse höchst selten, man trage Sorge zur Sache und zueinander. «Die Badegäste sind sogar so anständig, dass der letzte vergessen gegangene Spielsachen aus dem Wasser fischt», sagt Müller. «Diskussionslos.»

Vielleicht ist die Welt hier im oberen Ruedertal, beim Schwimmbad zwischen Ententeich, Hirschgehege und Feriendorf, doch ein bisschen mehr in Ordnung als anderswo.

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