Reitnau
Vor 50 Jahren hat ihn das Rennvirus infiziert – am ersten Bergslalom

Der Suhrer Werner Wiedemann war beim ersten Bergslalom 1965 in Reitnau am Start – mit seinem BMW 700 CS. Der az erzählt er, was passierte, als er in einen Felsvorsprung fuhr, und wieso er seine Karriere beenden musste.

Christine Fürst
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Werner Wiedemann heute.
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Die heutigen Rennboliden in Reitnau.
Werner Wiedemann, Bergrennen Reitnau

Werner Wiedemann heute.

Christine Fürst

Diese Geschichte beginnt im Jahr 1965. Genauer am Samstag, 3. Juli 1965. Um 11.50 Uhr wurde die Slalomstrecke für den ersten Bergslalom in Reitnau zur Besichtigung freigegeben – und keine Minute früher. Im Reglement stand damals: «Wer vor 11.50 auf der Strecke gesehen wird, wird disqualifiziert!» Auch Werner Wiedemann schaute sich die Strecke an, zu Fuss.

Bergrennen: Buch zum 50-Jahr-Jubiläum

Das Bergrennen findet am 28. Juni ab 6.30 Uhr statt. Am Abend zuvor, am 27. Juni, beginnt um 18.30 Uhr das Jubiläumsfest mit der Drift Challenge «King of Touge» und ab 22 Uhr gibt es ein Konzert von azTon. Weil das Rennen in diesem Jahr zum 50. Mal ausgetragen wird, wurde ein Buch gestaltet. Es liefert Hintergrundtexte und Fotos, aber auch Ranglisten und Fakten. Das Buch «50 Jahre ACS-Bergrennen Reitnau» kann unter www.bergrennen-reitnau.ch bestellt werden. (cfü)

«Ich habe mich natürlich an das Verbot gehalten, im Voraus die Rennstrecke nicht als Trainingsstrecke zu benutzen», sagt Wiedemann. Für die nächsten Rennen sei klar gewesen, dass er sich die rund 1,5 Kilometer lange Strecke in Reitnau im Voraus anschaue, denn der Streckenablauf müsse während des Rennens im Kopf präsent sein. Eigentlich kannte er sie schon gut. In Oftringen zu Hause, war das Rennen in Reitnau beinahe ein Heimrennen für ihn. Er arbeitete bei der ehemaligen Plüss-Staufer AG in Oftringen als Lacklaborant.

Mit seinem BMW 700 CS absolvierte er die ersten Reitnauer Bergslaloms, wie sie zu Beginn noch bezeichnet wurden. Er war die ersten zehn Rennen am Start, seine letzten zwei mit einem Fiat Abarth 1000 TCR. Dreimal gewann er seine Klasse in Reitnau. Nur einmal gab es keine Rangierung, weil das Rennen wegen Regen abgesagt werden musste, nachdem die Trainings noch durchgeführt worden waren.

Vier Jahre zuvor hatte Werner Wiedemann den dunkelgrauen BMW 700 CS gekauft. «Schon damals war er nicht mehr ganz serienmässig», sagt er. Damit meint er, dass bereits sein Vorgänger am Auto rumgeschraubt hatte – was natürlich auch Werner Wiedemann tat.

Rennfahrer und Schachspieler

In seiner Freizeit schraubte er an seinem Auto herum und fuhr an Orientierungsfahrten mit. Dabei musste man von A nach B fahren, einer bestimmten Strecke folgen und zu einer vorher bestimmten Zeit ankommen. Jede Sekunde zu langsam oder zu schnell gab Strafpunkte. Diese Fahrten gefielen dem in Köln geborenen Werner Wiedemann zwar, aber er war lieber schneller unterwegs.

Immer mehr begann er deshalb, an Rennen mitzufahren. Er fuhr die ACS Sektions-Meisterschaft mit, die er dreimal in Serie gewann. Die Pokale schmücken noch heute seine Wohnung in Suhr. Er liebte das Dröhnen der Motoren und war – kaum war das Wochenende eingeläutet – auf den Rennstrecken anzutreffen. Daneben spielte er oft Schach. «Schach war schon immer meine Leidenschaft.»

Seine Hobbies nahmen seine ganze Zeit ein, für eine Familie habe es da keinen Platz mehr gegeben. «Ich war immer unterwegs», sagt er. War er nicht auf der Rennstrecke oder am Schachbrett, lag er unter einem Auto und schräubelte.

1972 kaufte er sich den feuerroten Fiat Abarth 1000 TCR. «Mit dieser kleinen Rakete ist er fast überall, wo er startet, vorne dabei», heisst es im Jubiläumsbuch zum Bergrennen. Mit diesem Wagen war er später immer mehr auch an internationalen Rennen anzutreffen. Rückblickend sagt er, dass er beinahe zur Hälfte seiner Rennkarriere im Ausland war.

Das Risiko fährt mit

Doch wo die Geschwindigkeit hoch ist, ist auch das Risiko gross. Einmal fuhr er in einen Felsvorsprung. Sein ganzes Auto wurde eingedrückt. «Irgendwie konnte ich damit noch nach Hause fahren», sagt er heute und schmunzelt. Solche Unfälle seien ihm aber selten passiert.

Und trotzdem war es ein Unfall, der Werner Wiedemanns Karriere jäh beendete. Er fuhr mit Kollegen von einem Rennfahrertreffen nach Hause und wurde in einen Verkehrsunfall involviert. Eine schwere Kopfverletzung zwang ihn danach, seine Karriere zu beenden. «Ich wollte zwar noch fahren, konnte aber nicht mehr», sagt er. Ein Jahr hätte er noch anhängen wollen, danach wollte er aufhören. Die anstrengenden Wochenenden und der Vollzeitjob vertrugen sich nicht mehr.

Obwohl er danach nicht mehr aktiv Rennen fahren konnte, war Werner Wiedemann immer am Geschehen dabei. Bis heute schaut sich der 75-Jährige Rennen im Fernsehen an. Auch am Bergrennen war er immer wieder zu Besuch. «Die Autos wurden immer schneller. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass man auf dieser schmalen Strasse so schnell fahren kann», sagt er. Es gebe noch weitere Unterschiede zu früher: Fuhren die Rennfahrer früher mit ihren Rennautos auf der Strasse zum Rennen, werden die Autos heute auf dem Anhänger an den Start transportiert. Und musste er 1965 für den Bergslalom noch 15 Franken Startgeld bezahlen, sind es heute einige Zehner mehr.

Eines steht fest: In seinem Kalender ist der 28. Juni bereits fett eingetragen. Dann wird er es sich nicht nehmen lassen, als Zuschauer an der Rennstrecke in Reitnau mitzufiebern.