Nicht nur das Schloss, die Hügel oder die Ruederche prägen das enge Tal. Zwischen den Hügeln von Schöftland bis hoch nach Walde haben auch christliche Gemeinschaften einen besonderen Stellenwert. Spricht Martin Goldenberger, Gemeindeammann von Schlossrued, auch deshalb von einem «eigenen Kosmos»?

Im Ruedertal ist nicht nur die reformierte Landeskirche zu Hause. Hier hatte die Gemeinde Chrischona vor über 150 Jahren gepredigt und ihre ersten Kapellen gebaut. Schon früh suchten auch die Täufer Zuflucht im Tal, um den Verfolgungen der reformierten Obrigkeit zu entgehen. Wie aber kam es, dass gerade das Ruedertal zu einem Rückzugsgebiet für verschiedene christliche Gemeinschaften und Mitglieder von Freikirchen wurde?

Zuflucht im Luzernischen

Der Historiker Markus Widmer-Dean sagt, das Ruedertal habe sich hauptsächlich aus mehreren Gründen zum Rückzugsgebiet entwickelt.
Die Schlossherren auf Schloss Rued, die letztlich der erzreformierten bernischen Vogtei unterstanden, seien einerseits in religiösen Fragen tolerant gewesen. Nachdem der Versuch der Berner fehlgeschlagen war, die Täufer oder Taufgesinnten als radikale «Kinder der Reformation» ins Staatskirchentum einzugliedern, begann deren Verfolgung.

Die Täufer akzeptierten elementare Vorgaben der bernischen Landesherrschaft nicht, sie lehnten etwa die Kindertaufe, die strikte Trennung von Kirche und Staat oder die Militärpflicht ab. Gegen die Täufer und andere reformatorische Splitterbewegungen hätten die Schlossherren von May durchaus härter durchgreifen können. «Das aber interessierte sie wenig», sagt Widmer-Dean.

Und diese Gleichgültigkeit kam den Täufern entgegen. Sie leisteten ihre Abgaben gegenüber der Herrschaft und lebten ansonsten still und zurückgezogen für sich.
Fand dann doch ein bernischer Vogt den Weg ins abgelegene Tal, so flüchteten sie rechtzeitig über die Hügel und die Kantonsgrenze und fanden Unterschlupf im Luzernischen. Denn im «Luzernerpiett» habe man nichts gegen die Täufer unternommen, wie es schon 1538 in einer Kunde aus dem Aargau an den Berner Rat hiess.

Die Verfolgten waren in «Löchern in den Hüsern, darin sy sich verbärgen». Oder sie überquerten einfach die nahe Grenze, warteten bis sich die Verfolger zurückzogen, und kehrten dann auf ihre abgelegenen Höfe zurück.
Die Nähe zur Luzerner Grenze, die Toleranz der Schlossherren May und auch die Abgeschiedenheit des Tals führten dazu, dass sich die Täufer hier ansiedelten. Sie wollten für sich sein, weder missionieren noch bedrängt werden.

«Wir sind im 21. Jahrhundert»

Zahlenmässig am stärksten ist im Tal dennoch die reformierte Landeskirche. Die kleine Kirche in Kirchrued liegt idyllisch, zwischen den Gemeinden Schlossrued und Schmiedrued. Fast 1200 Frauen und Männer, und damit mehr als die Hälfte aller Schlossrueder und Schmiedrueder, gehören der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde an, besuchen die Gottesdienste gemeinsam. «Gut besucht» seien die Gottesdienste, sagt Pfarrerin Nadine Hassler Bütschi. Und spricht von einem regelmässigen Stamm von 50 Personen.

Wenig, möchte man sagen. Die Pfarrerin aber sagt: «Wir sind im 21. Jahrhundert.» Oder anders ausgedrückt: Alle Kirchgemeindemitglieder zahlen, viele kommen zu Beerdigungen und Hochzeiten, manche besuchen die Gottesdienste an Festtagen. Und ein Teil besucht die Gottesdienste regelmässig.

Neben der Landeskirche haben auch die Chrischona und die Evangelischen Taufgesinnten Gemeindezentren im Tal. «Mit der Gemeinde Chrischona», sagt Nadine Hassler Bütschi, «haben wir schon Gottesdienst gefeiert.» Die Zusammenarbeit sei gut.

Bibelstunden in Privathäusern

Das Gemeindezentrum der Chrischona-Gemeinde Schöftland-Rued befindet sich heute in Schöftland. Der Gemeindeverband mit pietistischer Tradition gehört aber seit über 150 Jahren zum Tal. Bereits 1864, nur wenige Jahre nach der Gründung der Glaubensgemeinschaft 1840 im baslerischen Bettingen-St.Chrischona, zogen Prediger durchs Ruedertal, führten Bibelstunden in Privathäusern durch, bis sie in den Häusern für ihre Versammlungen keinen Platz mehr fanden. Man baute in beiden Dörfern je eine kleine Chrischona-Kapelle, 1930 diejenige von Schlossrued, 1937 eine in Schmiedrued.

Die Kapelle in Schlossrued wurde inzwischen verkauft, weil die Rueder heute gemeinsam mit den Schöftlern in Schöftland feiern. Nach wie vor genutzt wird dagegen die Löhrenkapelle in Schmiedrued – heute aber vor allem für die lokale Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit. Die Glaubensgemeinschaft spiele bei der Jugendarbeit eine wichtige Rolle, bestätigt Martin Goldenberger. An den Jugendfesten im Tal organisiere die Jungschar jeweils den Spielpark, so der Schlossrueder Gemeindeammann. Das wird sie auch beim grossen Jubiläumsfest Ende Juni tun, wenn Schlossrued und Schmiedrued ihr 200-jähriges Bestehen als eigenständige Talgemeinden feiern.

Alterszentrum für Taufgesinnte

Nicht ganz so einfach ist für die reformierte Pfarrerin der Kontakt mit den Evangelischen Taufgesinnten, die in Schmiedrued-Walde ihr Gemeindelokal haben. Das Gemeindelokal befindet sich noch heute ganz hinten im Tal, an der Grenze zum Kanton Luzern. «Diese Menschen wollen für sich leben», sagt Markus Widmer-Dean. Im Ruedertal sei das möglich. Bis heute.

Wohl auch deswegen befindet sich in Walde das Altersheim für Evangelische Taufgesinnte. Viel mehr aber als die freundliche und bestimmte Auskunft, das Heim sei ausschliesslich für «Leute aus unserer Glaubensgruppierung» ist bei der Heimleitung nicht in Erfahrung zu bringen. Ausser noch, es spiele keine Rolle, ob die betagten Menschen aus Basel, Zofingen oder aus Schmiedrued kämen, um hier in Ruhe ihren Lebensabend zu verbringen.