Als der Vater die Corvette verkaufte, ungefragt – da brach für Matthias Gerber eine Welt zusammen. Es war nicht irgendeine Corvette.

Es war eine Corvette Stingray von 1966. Matthias’ Lieblingsauto, das samstags jeweils fürs Plauschfährtli aus der Garage geholt wurde. Und jetzt war sie weg, und man hatte ihn nicht um Erlaubnis gefragt.

Matthias Gerber (31) war damals zehn Jahre alt. Und schon da war klar, was er werden würde: Automech. Er, der schon in Autoheften blätterte, als seine Schulkameraden noch Mickey-Mouse-Taschenbücher lasen.

Heute steht er nicht mehr in der Garage, heute ist Gerber der Automech-Verkuppler. Mit seinem Start-up «carhelper.ch» vermittelt er Autobesitzer an Automechaniker und sagt: «Wenn ich Kunden verliere, habe ich meinen Job gut gemacht. Dann haben sich zwei gefunden.»

Vermeintliche Traumstelle

Seine Automechanikerlehre machte Matthias Gerber nicht auf irgendeiner Marke, sondern in der Ferrari-Garage. Wenn schon, denn schon.

Und weil bei Ferrari nicht einfach ausgewechselt, sondern repariert wird. Dafür nahm er einen Arbeitsweg von knapp zwei Stunden pro Weg in Kauf, fuhr jeden Morgen mit dem Zug von Menziken nach Urdorf im Limmattal. Eine vermeintliche Traumstelle.

Matthias Gerber wollte den Bettel oft hinschmeissen. «Was mich am Auto fasziniert hatte, Design, Technik, das Motorengeräusch, das Fahrerlebnis; das alles spielt im Beruf keine Rolle.» Sein Berufsalltag bestand aus Öl- und Radwechseln. Dazu kamen die strengen Hierarchien im Werkstattteam, die ihm Mühe machten.

«Ich werde nicht gerne herumkommandiert, genauso wenig, wie ich gerne kommandiere», sagt er. Gemeinsam etwas zu entwickeln sei ihm lieber. Was ihn damals zunehmend begeisterte, waren nicht die Ferrari, sondern Occasionsfahrzeuge. «Ich wollte wissen, wie man ein Fahrzeug am besten vermarktet, wie man es am besten positioniert.»

Matthias Gerber biss die Lehrzeit durch. Aber er besuchte am Feierabend eine Abendschule, bildete sich an einer privaten Wirtschaftsschule weiter. Heimlich. Drei Tage nach der Lehrabschlussprüfung legte er die Prüfung zum Marketing-Assistenten ab. «Wenn mich etwas begeistert, dann ist meine Energie grenzenlos.»

Es folgten Lehr- und Wanderjahre durch verschiedene Marketing- und Werbebüros in der ganzen Schweiz, Aufträge für die grossen Autoimporteure, Pilotprojekte für Kundenplattformen. Und irgendwann gärte die Idee einer eigenen Plattform.

«Wir schaffen Transparenz»

Die Idee: Autofahrern die Möglichkeit geben, die Leistungen verschiedener Garagisten vor der Reparatur zu vergleichen. «Ich habe so oft von Kollegen gehört, die sich über die Rechnung ihres Garagisten geärgert haben», sagt Matthias Gerber.

Also schuf er das, was in der Reise- oder Hotelbranche schon seit Jahren selbstverständlich ist: eine Plattform, auf der der Automobilist sein Anliegen eingibt und die Offerten der Garagisten aus der Region miteinander vergleichen kann. «Damit schaffen wir Transparenz in einem Bereich, in dem Kunden bislang dem Garagisten blind vertrauen mussten. Und diese Transparenz macht beide Seiten zufrieden.»

Im Juni 2016 gründete Gerber sein Start-up in Zürich. Die Geschäftsidee schlug ein. Monatelang wurden Offerten eingeholt, Daten gesammelt und Algorithmen programmiert. Seit November ist die Plattform definitiv online.

Inzwischen beschäftigt Matthias Gerber acht Mitarbeiter, innert vier Monaten haben sich 450 Garagisten aus der ganzen Schweiz der Plattform angeschlossen, darunter 60 im Aargau. Pro Tag besuchen bis zu 400 Personen die Plattform, pro Monat werden knapp 200 Aufträge vermittelt.

Die Kosten für die Vermittlung trägt der Garagist, Gerber und sein Team werden nach Auftragswert bezahlt. Noch reicht es nicht, das Unternehmen selber zu finanzieren; aktuell tragen vier Investoren «carhelper.ch» mit.

Doch Gerber sagt, man sei auf gutem Weg. Inzwischen wurde auch eine Partnerschaft mit «tutti.ch» abgeschlossen, verschiedene Anbieter aus dem Ausland interessieren sich dafür, die Plattform zu adaptieren.

Dann ging das Geld aus

Ein Erfolg, für den Gerber hart gearbeitet hat. Mehr als einmal stand er vor dem Nichts, hätte um ein Haar die nächste Hürde im Förderprogramm der «Swiss Startup Factory» nicht geschafft. «Nur vier Tage vor Ablauf der Frist habe ich meinen Programmierer gefunden, sonst wäre ich aus dem Programm geschmissen worden», sagt Gerber.

Der Programmierer ist heute sein CTO und Geschäftspartner, Aleksandar Stevanovic. Vor einem Jahr dann ging dem Unternehmen das Geld aus. «Ich musste fast das ganze Team entlassen», sagt Gerber und seufzt. «Start-ups werden überall gefeiert, und es ist ja auch etwas Grossartiges. Aber es gibt auch nichts Schnelllebigeres.

Man arbeitet rund um die Uhr und von einem Tag auf den andern kann alles vorbei sein.» Warum tut er es sich dann an? Gerber überlegt keine Sekunde. «Wegen der Leidenschaft», sagt er.

Für sein Unternehmen wünscht sich Gerber möglichst bald schwarze Zahlen. Und für sich selbst Zeit mit der Familie, im Juli wird er zum ersten Mal Vater. Und wer weiss, vielleicht wartet dereinst in der Garage daheim im zürcherischen Limmattal auch eine Corvette auf das samstägliche Plauschfährtli.