«Vor über 100 Jahren hat mein Grossvater in dieser Werkstatt als Wagner begonnen», sagt Gerhard Vogel und zeigt auf das Gebäude neben seinem Wohnhaus in Kölliken. Die beiden hölzernen Wagenräder an der Fassade sind nicht nur Dekoration, sondern Zeugen davon, was hier während vieler Jahre in aufwendiger Handarbeit entstanden ist. Bandsäge, Drechselbank und Hobelmaschine stehen in der Werkstatt des früheren EVP-Grossrats und Ammanns.

«Heute ist das nur noch meine private Reparaturwerkstatt», sagt der 85-Jährige, der beim Betreten des Raums in eine Lebensgeschichte eintaucht, die alles andere als 08/15 ist.
Gerhard Vogel wächst in Kölliken zusammen mit sechs Schwestern und einem Bruder auf, die Eltern führen eine Bäckerei. Seine Mutter ist schwer krank, deshalb verbringt er seine Kindheit vorwiegend bei den Grosseltern auf dem Bauernhof und in der als zweites Standbein geführten Wagnerei.

«Ich wäre liebend gerne Schreiner geworden, wenn ich nicht wegen der verwandtschaftlichen Verhältnisse hätte Wagner lernen müssen. Aber heute würde ich es nicht mehr anders machen», sagt der Vogel rückblickend. Nach einem Haushaltsjahr in der elterlichen Kaffeestube absolviert Gerhard Vogel 1948 bei seinem Onkel, der den Betrieb des Grossvaters weiterführte, die 3½-jährige Lehre zum Wagner. Danach zieht es ihn nach Wil, St. Gallen. Von dort kehrt er jedes Wochenende mit dem Velo nach Kölliken zurück, benötigt pro Weg vier Stunden. Mit 25 absolviert er im bernischen Bätterkinden ein Vorkurs zur Meisterprüfung, die er im Anschluss mit Erfolg besteht und übernimmt später die Wagnerei in Kölliken.
So stellt der Kölliker aus Holz – vor allem für die Landwirtschaft – Räder für Kutschen und Wagen, Schlitten, Deichseln, Unter- und Aufbauten für Brücken- und Bockwagen, Güllenfässer oder Schubkarren her. Für den privaten Gebrauch sind es mehrheitlich Ski und Leitern.

Keine Räder aus Holz mehr

Ein Wagner habe wegen der eisernen Beschläge stets mit einem Schmid zusammengearbeitet. «Wir waren verantwortlich für den Transport von Mensch und Waren. Doch mit dem Aufkommen der Autos und durch die Mechanisierung der Landwirtschaft hat unser Beruf je länger, je mehr an Bedeutung verloren.» Auch aus wirtschaftlicher Sicht habe es sich nicht mehr gelohnt. «Ein Rad aus Holz herzustellen, war ein Tageswerk und hat zwischen 300 und 400 Franken gekostet.» Eine reine Wagnerlehre, wie sie Gerhard Vogel einst absolviert hat, gibt es heute nicht mehr. Wer sich zum Schreiner ausbilden lässt, kann sich jedoch für die Fachrichtung Wagner entscheiden.

Seinen Beruf übt Gerhard Vogel stets mit viel Leidenschaft aus, bis im Alter von 51 Jahren das Schicksal zuschlägt. Der heute vierfache Vater und fünffache Grossvater verliert beim Betätigen einer Kreissäge seine Hand. «Ich erinnere mich noch gut daran. Mit dem Hemd bin ich hängen geblieben. Dann war es passiert.» Zwei Mal muss er operiert werden. «Der Arzt hat mich bald darüber informiert, dass dieser schwere Unfall mit einem Berufswechsel verbunden ist. Das war hart.» Doch das Leben habe weitergehen müssen.

Während ein ehemaliger Lehrling von ihm die Wagnerei weiterführt, verschlägt es Gerhard Vogel nach einem Abstecher bei einer Versicherung in die Migros in Buchs. Erneut bleibt er dem Rad treu, ist für die Veloabteilung zuständig. «Sie haben immer vom Phänomen Vogel gesprochen und mich ‹Mister Velo› genannt, weil ich den Umsatz von einem aufs andere Jahr verdoppelt habe», sagt Vogel. Eines ist für den Rentner sicher. «Die Tätigkeit in der Migros hat mich ebenso erfüllt, wie mein Alltag als Wagner, beides war einfach schön.»